Wohnprojekt Wagnis West in München-Freiham Mehr Gemeinschaft wagen

Verantwortliche:r Redakteur:in: Regine Appenzeller 4 min Lesedauer

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Seit 2006 entsteht an der westlichen Peripherie Münchens der neue Stadtteil Freiham. Etwa ein Drittel der 350 Hektar großen Baufläche wurde an Wohnbaugenossenschaften vergeben. Eines dieser Projekte ist Wagnis West, eine Kooperation der Wohnbaugenossenschaften Wagnis eG und München-West eG (WGMW). Das Ziel war ein zukunftsweisendes Modell gemeinschaftlichen Bauens, das soziale Vielfalt, ökologische Verantwortung und Teilhabe vereint. 

Die flexible Abstimmung des  Bebauungsplans ermöglichte es, weniger Fläche zu versiegeln und dafür begrünte Innenhöfe als lebendige Treffpunkte zu schaffen. (Bild:  Jens Weber/Connolly Weber Photography)
Die flexible Abstimmung des Bebauungsplans ermöglichte es, weniger Fläche zu versiegeln und dafür begrünte Innenhöfe als lebendige Treffpunkte zu schaffen.
(Bild: Jens Weber/Connolly Weber Photography)

Den geladenen Wettbewerb, bei dem die künftigen Mieter selbst entscheiden durften, mit welchem Architekturbüro sie bauen möchten, entschied das Wiener Büro Alles Wird Gut für sich. Es überzeugte mit einem städtebaulichen und architektonischen Konzept, das unterschiedliche Intensitäten des Zusammenlebens ermöglicht. Die Idee hinter dem Wohnprojekt Wagnis West in München-Freiham war es, gemeinschaftliches und nachhaltiges Wohnen neu zu denken und aktiv zur sozialen Struktur eines entstehenden Stadtteils beizutragen, anstatt sich im Rahmen konventioneller Eigentumsmodelle zu bewegen. Die Architekt*innen von Alles Wird Gut überarbeiteten dafür den Bebauungsplan und schufen so die Grundlage für ein räumlich wie sozial vernetztes Quartier im Herzen des neuen Stadtteils. 

Vom Blockrand zum lebendigen Ensemble

Ursprünglich war eine Blockrandbebauung mit reihenhausähnlichen Strukturen im Inneren und weitgehend versiegelten Flächen über das ganze Grundstück hinweg vorgesehen. Bei der gemeinsam mit den Baugenossenschaften und der Stadt München entwickelten Überarbeitung des Städtebaus blieben die klaren räumlichen Abgrenzungen nach außen erhalten. Im Inneren entstand hingegen ein lebendiges Ensemble aus fünf unregelmäßig geformten, polygonalen Baukörpern mit drei bis fünf Geschossen.

Die Baugruppen-Mitglieder  profitieren von der urbanen Infrastruktur des neuen Stadtviertels und schätzen zugleich den hohen Freizeitwert des angrenzenden Umlands. (Bild:  Jens Weber/Connolly Weber Photography)
Die Baugruppen-Mitglieder profitieren von der urbanen Infrastruktur des neuen Stadtviertels und schätzen zugleich den hohen Freizeitwert des angrenzenden Umlands.
(Bild: Jens Weber/Connolly Weber Photography)

Diese gruppieren sich U-förmig um einen zentralen, begrünten Gemeinschaftshof und sind über Stege und Brücken miteinander verbunden. Trotz ihrer individuellen Gestaltung sprechen sie eine gemeinsame Architektursprache und sind als Ensemble deutlich erkennbar. Jan Fischer, Projektverantwortlicher von Alles WirdGut Architektur, erklärt: „Wir mussten für die Baugenehmigung über 30 Abweichungen und Befreiungen beantragen. Die Stadt München hat uns jedoch unterstützt, da sich die beiden Genossenschaften mit ihren sozialen und ökologisch relevanten Projekten bereits als wertvolle Pioniere in Neubauquartieren etabliert hatten.“

Vielfalt der Wohnformen beim Wagnis West

Die insgesamt 134 barrierefreien Wohnungen, die sich auf alle Häuser verteilen, sind zwischen 26 und 130 Quadratmeter groß. Neben klassischen Grundrissen wurde das Konzept des Clusterwohnens als Geschossgemeinschaft umgesetzt. Dabei teilen sich mehrere Haushalte einen großen Gemeinschaftsraum. Rund 75 Prozent der Wohnungen sind gefördert, teils über das München-Modell, teils über die einkommensorientierte Förderung (EOF). In Kooperation mit einem sozialen Träger sind außerdem fünf ambulant betreute Wohnungen für Menschen mit Behinderung entstanden. Zentrum und Herzstück des Quartiers Wagnis West ist der „Gemeinschaftsmacher“ – ein Gebäude, das als sozialer und kultureller Treffpunkt dient und vielfältige gemeinschaftliche Nutzungen unter einem Dach vereint.

Partizipation als Projektbasis 

Bereits lange vor dem Einzug arbeiteten die künftigen Bewohner als Baugruppe in regelmäßigen Plena, Workshops und Exkursionen am Projekt. In Arbeitsgruppen befassten sie sich mit Themen wie Ausstattung der Gemeinschaftsräume, Organisation und Selbstverwaltung. Das Wagnis-Neubauteam begleitete den partizipativen Prozess bis zum Einzug. Anschließend übernahmen die Mieter die Verantwortung für den laufenden Betrieb selbst. Jan Fischer resümiert: „Es war ein außergewöhnliches Projekt. Die Zusammenarbeit war sehr intensiv. Es wurden verschiedene Varianten diskutiert, jedoch sind alle grundlegenden Entscheidungen von den Mitgliedern der Baugenossenschaften selbst getroffen worden.“

Die vorgelagerten  „Vogelnestbalkone“ am Laubenganghaus bieten privaten Rückzug und fördern zugleich das nachbarschaftliche Miteinander.(Bild:  Jens Weber/Connolly Weber Photography)
Die vorgelagerten „Vogelnestbalkone“ am Laubenganghaus bieten privaten Rückzug und fördern zugleich das nachbarschaftliche Miteinander.
(Bild: Jens Weber/Connolly Weber Photography)

Kompakte Grundrisse und maximale Öffnung 

Zugunsten gemeinschaftlicher Flächen wurden die privaten Wohnbereiche bewusst kompakt gehalten und die meisten Wohnungen verfügen über keinen eigenen Freisitz. Der Verzicht auf Balkone hatte auch wirtschaftliche Gründe, da im geförderten Wohnungsbau die Balkonfläche nur zu einem Viertel angerechnet werden kann. Zudem fiel die Wahl auf eine wartungsarme Elementfassade aus Holz, die in Kombination mit Balkonen konstruktiv aufwendiger und damit kostenintensiver gewesen wäre. Fischer erläutert: „Die Idee war, lieber etwas mehr Wohnfläche im Wohnzimmer zu schaffen und diese als Ausgleich mit raumhohen Glas-Faltwänden weit nach außen zu öffnen.“ Gemeinsam mit den Mitgliedern wurde auch über alternative Verglasungsvarianten wie Schiebefenster nachgedacht. „Sie hätten jedoch in den Wohnungen zu viel Platz weggenommen“, so Fischer. „Die Glas-Faltwände lassen sich dagegen vollständig öffnen; die Glaspakete im geöffneten Zustand sind schmal und beanspruchen nur wenig Raum. So entstand eine transparente Lösung, die sich harmonisch in die Holzfassade einfügt.“ 

Wagnis West: Mehr Raum durch faltbares Glas

Die dreiteiligen Glas-Faltwand-Anlagen öffnen die Außenfassaden auf rund sieben Quadratmetern und schaffen einen fließenden Übergang zwischen Innen und Außen – ein spürbarer Mehrwert, insbesondere in dicht bebauten Stadtquartieren. Der Mechanismus funktioniert wie eine Ziehharmonika: Die Elemente werden zu einer Seite aufgefaltet und platzsparend als Glaspaket geparkt. Möbel können dabei stehen bleiben, da sich die Flügel mühelos daran vorbeiführen lassen, was gerade in kleineren Wohnungen von Vorteil ist. Auch im Alltag zeigt das System seine Flexibilität: Zum Lüften lässt sich ein Element wie eine Terrassentür öffnen.

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Optisch fügen sich die Glas-Faltwände harmonisch in die Architektur ein. Passend zu den Holzfassaden und dem hohen Nachhaltigkeitsanspruch fiel die Wahl auf das System Woodline von Solarlux mit Profilen aus Kiefernholz. Das Material sorgt für eine warme Ausstrahlung, kombiniert mit hoher Wärmedämmung (Uw-Wert: 1,0) und schmalen Rahmenansichten. Jan Fischer fasst zusammen: „Wenn morgens die Sonne scheint, können die Glas-Faltwände bereits an milden Wintertagen geöffnet werden. Es entsteht das Gefühl, auf einem Balkon zu sitzen. Das war der eigentliche Qualitätsgewinn.“

Clusterwohnen wurde in  Wagnis West als Geschossgemein-schaft umgesetzt: Mehrere Haushalte teilen sich einen großen Gemeinschaftsraum außerhalb der eigenen Wohnung.  (Bild:  Jens Weber/Connolly Weber Photography)
Clusterwohnen wurde in Wagnis West als Geschossgemein-schaft umgesetzt: Mehrere Haushalte teilen sich einen großen Gemeinschaftsraum außerhalb der eigenen Wohnung.
(Bild: Jens Weber/Connolly Weber Photography)

Ökologisch gebaut, sozial belebt 

Ressourcenschonendes Bauen stand von Beginn an im Mittelpunkt. Die Gebäude wurden in Holz-Hybrid-Bauweise errichtet und erfüllen den Effizienzhausstandard 55. Eine geothermiegestützte Niedrigtemperatur-Fernwärme versorgt das Quartier und ist mit einer Photovoltaikanlage im Mieterstrommodell kombiniert. Auch die Materialwahl folgt nachhaltigen Prinzipien: Holzfassaden, recycelte Pflastersteine, Laternen und Fahrradständer orientieren sich an der Idee der Kreislaufwirtschaft. Reduzierte Tiefgaragenflächen schonen Ressourcen, begrünte Dächer und Fassaden verbessern das Mikroklima. Im Sinne des Schwammstadtprinzips wird Regenwasser nicht in die Kanalisation eingeleitet, sondern auf begrünten Flächen zurückgehalten und dort natürlich versickert. Weitere Informationen: www.solarlux.com