Warum die Bayernkaserne zum Vorbild für zirkuläres Bauen wird Daten statt Deponie

Ein Gastbeitrag von Heiner Sieger 6 min Lesedauer

Auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne in München zeigt sich, woran zirkuläres Bauen oft scheitert und wie es gelingen kann. Das Projekt Neufreimann macht aus Rückbau, Recycling und Neubau einen digital gesteuerten Materialkreislauf.

Zirkularität auf der Baustelle ist heute vor allem eine Frage von Transparenz, Steuerung und Datenverfügbarkeit.(Bild:  Ecoflows)
Zirkularität auf der Baustelle ist heute vor allem eine Frage von Transparenz, Steuerung und Datenverfügbarkeit.
(Bild: Ecoflows)

In München wird zirkuläres Bauen im großen Maßstab praktisch erprobt: Auf dem Areal der ehemaligen Bayernkaserne entsteht mit Neufreimann ein neues Stadtquartier. Parallel dazu läuft dort eines der ambitioniertesten kommunalen Baustoffrecycling-Projekte Deutschlands. Die Landeshauptstadt München verfolgt das Ziel, möglichst viel Material aus Rückbau und Baufeldfreimachung direkt vor Ort aufzubereiten und in den Neubau zurückzuführen. Damit wird die Bayernkaserne zum realen Testfeld für Kreislaufwirtschaft, Ressourcenschonung und Urban Mining.

Genau deshalb war es folgerichtig, dass das Projekt kürzlich auch im Rahmen einer Veranstaltung des Circle Hub in Offenburg vorgestellt wurde. Dort rückte nicht nur das Upcycling in der Bayernkaserne in den Fokus, sondern auch eine zentrale Erkenntnis für die Branche: Zirkularität auf der Baustelle ist heute vor allem eine Frage von Transparenz, Steuerung und Datenverfügbarkeit.

Der Engpass heißt nicht Material, sondern Information

An Baustoffen mangelt es im Rückbau großer Areale zunächst nicht. Das eigentliche Problem beginnt danach: Welche Mengen liegen wo? Welche Chargen sind geeignet? Welche Stoffe können aufbereitet, zertifiziert, gelagert, transportiert und in welcher Form wieder eingesetzt werden? Und wie lassen sich diese Materialströme so dokumentieren, dass sie technisch, wirtschaftlich und regulatorisch belastbar werden?

Genau hier setzt Ecoflows an. Das Münchner Unternehmen beschreibt seine Plattform als digitales Stoffstrommanagement für zirkuläres Bauen. Erfasst und zusammengeführt werden Wiegedaten, GPS-Daten und Kamerabilder; Materialbewegungen werden über ein Task-System mit eindeutiger Zuordnung geplant und nachverfolgt. Daraus entstehen in Echtzeit auswertbare Informationen zu Mengen, Bewegungen, Kosten, Risiken und Budgetstatus. Damit verschiebt sich die Perspektive: Das Upcyclingprojekt Bayernkaserne ist nicht nur ein Recyclingprojekt, sondern ein Datensystem für Baustoffe. Und genau das macht seinen Modellcharakter aus.

Warum digitale Tools hier mehr sind als ein Add-on

In vielen Bauprojekten kommt Digitalisierung erst dann ins Spiel, wenn dokumentiert oder abgerechnet werden muss. In Neufreimann ist sie Teil des operativen Kerns. Denn wer mineralische Stoffströme in großem Umfang im Kreislauf führen will, braucht mehr als gute Absichten und mobile Brechertechnik. Nötig ist eine digitale Infrastruktur, die Materialströme vom Rückbau bis zum Wiedereinbau sichtbar macht.

Datensammlung mit Ecoflows: digitales Stoffstrommanagement für zirkuläres Bauen.(Bild:  Ecoflows)
Datensammlung mit Ecoflows: digitales Stoffstrommanagement für zirkuläres Bauen.
(Bild: Ecoflows)

Der Nutzen liegt auf mehreren Ebenen. Erstens sinkt der Abstimmungsaufwand, weil Mengen und Bewegungen nicht mehr nur über Tabellen, Lieferscheine und manuelle Rückmeldungen zusammenlaufen. Zweitens lassen sich Fehlfahrten, ungeplante Entsorgung und Doppelhandling reduzieren. Drittens schafft die Datenspur eine Grundlage für Nachweise, Qualitätssicherung und wirtschaftliche Entscheidungen. Aus Baustellenlogistik wird so Materialintelligenz.

Zirkuläres Bauen für die Bayernkaserne: R-Beton und Sekundärrohstoffe

Dass München dieses Thema so offensiv spielt, ist kein Zufall. Die Stadt ordnet Neufreimann selbst als Vorreiterprojekt ein. Laut Kommunalreferat sollen auf dem Gelände so viel Abbruchmaterial wie möglich vor Ort aufbereitet und dem Neubau wieder zur Verfügung gestellt werden. Bis Ende 2025 wurden bereits rund 1,85 Millionen Tonnen Material gewonnen. Dies entspricht mehr als der doppelten Menge der ursprünglichen Planung von 2018.

Die gewonnenen Materialien werden konsequent im Kreislauf geführt. Von den bisher gewonnenen zwei Millionen Tonnen wurden bereits zirka 900.000 Tonnen als Schüttmaterial für den neuen Straßenverkehr, 75.000 Tonnen für die Betonproduktion und 100.000 Tonnen für die Begrünung öffentlicher Flächen wiederverwendet. Nur rund 600.000 Tonnen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht wiederverwertbar sind, mussten entsorgt werden. Damit ist auch das Ziel, etwa 120.000 Lkw-Fahrten einzusparen, schon jetzt erreicht. Diese Größenordnungen zeigen, worum es in der Praxis geht: nicht um symbolische Einzelmaßnahmen, sondern um industriell organisierte Kreislaufwirtschaft auf Quartiersebene.

Hinzu kommt: München nutzt das Gelände nicht nur für klassisches Recycling, sondern auch als Innovationsraum für weitere Verfahren. So testet das Kommunalreferat in Neufreimann auch, wie sich CO2 in Recyclingbeton speichern lässt. Das Projekt ist damit Teil einer größeren kommunalen Strategie, Kreislaufwirtschaft im Bausektor nicht abstrakt zu diskutieren, sondern unter realen Bedingungen zu erproben.

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„Die Aufbereitung der Materialien vor Ort erweist sich nicht nur als ökologisch, sondern auch als wirtschaftlich sinnvoll. Die Stadt München setzt damit auf eine Strategie, die Sicherheit, Ressourcenschonung und soziale Verantwortung vereint. Die finale wirtschaftliche Bilanz des Projekts wird nach Abschluss aller Arbeiten vorliegen“, so Andreas Sigl, Sprecher des Kommunalreferats. „Bisher gehen wir davon aus, dass allein auf Grund der Einsparung von rund 1,5 Millionen Tonnen Material, das vor Ort verwertet wird, und somit eine externe kostenintensive Deponierung entfällt, eine deutliche Reduzierung der Gesamtprojektkosten entsteht.“

Was das Projekt für die Branche so relevant macht

Die Bayernkaserne liefert der Bauwirtschaft einen wichtigen Realitätscheck. Zirkuläres Bauen scheitert im Alltag selten nur an fehlender Technik. Es scheitert häufig daran, dass Stoffströme zu spät, zu ungenau oder gar nicht digital erfasst werden. Dann werden Sekundärrohstoffe zum Risiko, Transporte zum Blindflug und Wiederverwendung zur guten Absicht ohne operative Basis. Neufreimann zeigt das Gegenmodell. Wenn Rückbau, Aufbereitung, Lagerung, Analytik, Transport, Produktbildung und Wiedereinbau digital verbunden werden, entsteht ein belastbarer Kreislauf. Genau deshalb ist das Münchner Projekt mehr als ein lokales Nachhaltigkeitsbeispiel. Es ist ein skalierbarer Blueprint dafür, wie Kommunen, Bauherren und Recyclingakteure künftig zusammenarbeiten können.

Warum der Auftritt vor dem Bundesumweltminister wichtig ist

Dass das Projekt inzwischen auch vor Bundesumweltminister Carsten Schneider präsentiert wurde, ist mehr als ein symbolischer Termin. Er bezeichnete das Projekt nach der Präsentation sogar als „super“. Kein Wunder, zeigt es doch, dass die Bayernkaserne als Referenzfall wahrgenommen wird — nicht allein wegen ihrer Dimension, sondern wegen der Verbindung von kommunaler Stadtentwicklung, Baustoffrecycling und digitaler Steuerung. Für die Debatte um Kreislaufwirtschaft im Bau ist das ein entscheidender Punkt: Die Branche braucht nicht nur neue Verordnungen und politische Ziele, sondern belastbare Praxisfälle. München liefert mit Neufreimann genau einen solchen Fall.

Das Wohnprojekt Bayernkaserne / Neufreimann

Auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne entsteht im Münchner Norden das Stadtquartier Neufreimann. Die Stadt nennt je nach Veröffentlichung rund 50 bis 58 Hektar Entwicklungsfläche. Geplant sind rund 5.500 Wohnungen für etwa 15.000 Einwohner sowie soziale Infrastruktur wie Schulen, Kitas und weitere Einrichtungen. Bis 2030 soll das Quartier schrittweise realisiert werden. Parallel dazu wird die Baufeldfreimachung genutzt, um große Mengen an mineralischem Material vor Ort zu recyceln und in den Neubau zurückzuführen.

Die ursprüngliche Planung zur Bodengewinnung sah eine Abtragung von 30 Zentimetern vor. Aufgrund der historischen Belastung durch massive Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg und der Nutzung durch drei verschiedene Armeen stellte sich jedoch heraus, dass der Boden flächig bis in 2,5 Meter Tiefe mit Kampfmitteln und Metallschrott durchsetzt ist.

Um diese Gefahr für die zukünftige Stadtbevölkerung auszuschließen, wurde auf ein Volumenräumungsverfahren umgestellt. Der Boden wird lagenweise abgetragen, gesiebt und magnetisch gereinigt. Bis Ende 2025 wurden bereits rund 1,85 Millionen Tonnen Material gewonnen. Dies entspricht mehr als der doppelten Menge der ursprünglichen Planung von 2018. Die gewonnenen Materialien werden konsequent im Kreislauf geführt. Von den bisher gewonnenen 1,85 Millionen Tonnen wurden bereits zirka 900.000 Tonnen als Schüttmaterial für den neuen Straßenverkehr, 75.000 Tonnen für die Betonproduktion und 100.000 Tonnen für die Begrünung öffentlicher Flächen wiederverwendet. Nur etwa 600.000 Tonnen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht wiederverwertbar sind, mussten entsorgt werden. Aktuell lagern weitere 175.000 Tonnen auf dem Gelände, die in den kommenden Jahren der Wiederverwertung zugeführt werden.

Die wichtigsten digitalen Tools im Projekt

  • Wiegedaten
    Sie liefern die belastbare Mengenbasis für Materialeingang, Materialausgang und Stoffstromkontrolle.

  • GPS-Tracking
    Es macht Transportwege, Materialbewegungen und Logistikabläufe nachvollziehbar.

  • Kamerabilder
    Sie ergänzen die Datengrundlage bei Erfassung, Kontrolle und Dokumentation der transportierten Materialien.

  • Task-System mit eindeutiger Zuordnung
    Jede Materialbewegung erhält eine klare digitale Referenz. So lassen sich Daten verknüpfen und Prozesse auswerten.

  • Echtzeit-Dashboard
    Es visualisiert Materialbewegungen, Prognosen, Kosten und Budgetstatus und macht Stoffströme operativ steuerbar.

  • Halbautomatisierte Rechnungs- und Aufmaßprüfung
    Sie reduziert manuellen Aufwand und schafft zusätzliche Wirtschaftlichkeit in der Projektsteuerung.