Impulse für die digitale Baustelle Digitalisierung macht das Bauen attraktiver, planbarer und erfolgreicher

Von Andreas Müller 6 min Lesedauer

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Wie meistert der Bau den Fachkräftemangel? René Wolf, CEO und Managing Director von RIB Software, erklärt im Interview, warum echte Kollaboration oft an Datensilos scheitert, wie sich das ändern lässt und wie KI heute schon für mehr Effizienz sorgt.

RIB Unify verbindet Projektbeteiligte und Prozesse entlang des gesamten Lebenszyklus. (Bild:)
RIB Unify verbindet Projektbeteiligte und Prozesse entlang des gesamten Lebenszyklus.
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Im Gespräch mit Bauen Aktuell vermittelt René Wolf Einblicke in die digitale Transformation der Baustelle. Er zeigt auf, wie innovative Plattformen und künstliche Intelligenz Anwender dabei unterstützen, die tägliche Informationsflut zu bändigen und die Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten spürbar zu verbessern.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen in der Baubranche zurzeit?

René Wolf: Vor allen Tatsachen steht das Thema Komplexität: Sie wächst schneller als die Fähigkeit, sie sauber zu steuern. Die Projekte werden im Allgemeinen immer größer, die Regularien leider immer umfangreicher und gleichzeitig fehlen die Fachkräfte. Das ist zwar ein allgemeines Thema, führt am Bau aber dazu, dass Entscheidungen oft zu spät getroffen werden. Informationen kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden – nämlich auf der Baustelle. Die Folge sind Nacharbeiten, Zeitverluste und unnötige Kosten.

Ich denke, der wesentliche Hebel ist es, Transparenz zu schaffen, um schnellere Entscheidungen und klare Verantwortlichkeiten sicherzustellen. Im Tagesgeschäft sehen wir immer drei Dinge: steigenden Kostendruck, Fachkräftemangel und eine ineffiziente Abstimmung zwischen Büro und Baustelle. Das höre ich wirklich überall. Das sind keine Probleme mangelnder Kompetenz, sondern fehlender Aktualität von Informationen. Wenn Planstände, Aufgaben oder Freigaben nicht konsistent verfügbar sind, entstehen Reibungsverluste, die Zeit und Geld kosten.

Wenn Sie den Bau mit der Fertigungsindustrie, dem Maschinenbau oder Automotive vergleichen: Warum liegt die Branche bei der Digitalisierung so weit zurück? Kann die Digitalisierung ein Faktor sein, um Fachkräfte zu gewinnen?

René Wolf: Auf alle Fälle. Der Bau unterscheidet sich von der Fertigungsindustrie vor allem dadurch, dass er stark projektgetrieben ist. Jedes Projekt ist anders, jedes Team setzt sich neu zusammen. Im Automotive-Bereich haben wir viele wiederkehrende Prozesse beim gleichen Automodell. Das macht Standardisierung und Digitalisierung am Bau schwieriger, aber sie bleibt ein wesentlicher Hebel für Synergien und Effizienz.

Man muss auch berücksichtigen, dass wir viele Subunternehmen und mittelständische Betriebe haben. Denen fehlt im Alltag schlicht die Zeit oder die Fähigkeit, neue Systeme einzuführen. Die Digitalisierung scheitert am Bau gar nicht so sehr an der Technik selbst, sondern an der Einführung, der Akzeptanz und der Klarheit im Nutzen.

Zum Thema Talentgewinnung: Digitalisierung hilft absolut, aber nur, wenn sie den Alltag wirklich vereinfacht. Junge Fachkräfte erwarten heute digitale Werkzeuge, mobile Prozesse und weniger Papier. Damit wachsen sie auf. Wer die Baustellenarbeit digital unterstützt, reduziert Stress, Fehler und Mehraufwand. Das macht den Beruf attraktiver und planbarer.

Auf der Digitalbau im März hat RIB die Software „Unify“ vorgestellt, die Verbindungen zwischen Projektbeteiligten und Prozessen entlang des gesamten Lebenszyklus schaffen soll. Wie funktioniert das im Baustellenalltag?

René Wolf: Im Alltag bedeutet „Unify“ vor allem: Alle arbeiten mit denselben Informationen. Aufgaben, Fotos, Pläne, Entscheidungen und Dokumente sind an einem Ort für alle verfügbar, aktuell nachvollziehbar und zugänglich. Das mühsame Zusammensuchen von Informationen kostet heute immens viel Zeit und ist fehleranfällig. Mit RIB Unify können Teams sofort handeln, was die Abläufe spürbar beschleunigt.

Ganz praktisch ersetzt die Lösung viele Insellösungen wie E-Mails, Messenger, Netzlaufwerke oder Papierlisten, die heute noch gang und gäbe sind. Wenn beispielsweise ein Mangel auf der Baustelle erfasst wird, wird daraus automatisch eine Aufgabe erstellt und zugewiesen. Das ist sofort im Büro sichtbar. Status, Verantwortlichkeit und Entscheidungen sind transparent. Das spart Rückfragen und verhindert Missverständnisse.

Wie unterstützt die Software das Prozessmanagement und die Dokumentensteuerung für eine bessere Zusammenarbeit?

René Wolf: Der zentrale Punkt ist das durchgängige Dokumenten- und Aufgabenmanagement. Alle projektrelevanten Informationen sind versioniert und eindeutig zugeordnet. Das verhindert, dass mit veralteten Plänen gearbeitet wird – ein riesiger Kostenfaktor durch Nacharbeiten.

Ein weiterer Aspekt ist die mobile Nutzung. Baustellenteams können direkt vor Ort mit dem Handy dokumentieren, Rückfragen stellen oder Fortschritte melden. Die Information kommt sofort im Büro an. So entsteht ein direkter Kreislauf zwischen Baustelle und Büro.

Künstliche Intelligenz ist momentan ein großes Schlagwort. Inwiefern kann die KI die Wertschöpfungskette am Bau optimieren?

René Wolf: KI hilft heute schon in konkreten Fällen. Von einer kompletten End-to-End-Lösung sind wir noch etwas entfernt, aber die Analyse von Baustellenfotos, Früherkennung von Risiken, Terminprognosen oder die Prüfung von BIM-Modellen ist heute schon sehr gut möglich. Wichtig ist: Das Ziel ist nicht, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn schneller und sicherer entscheiden zu lassen.

Ich glaube nicht, dass wir in naher Zukunft über vollautomatisierte KI-Prozesse reden werden. Entscheidend ist der messbare Nutzen. Statt großer abstrakter Systeme halte ich spezialisierte KI-Funktionen oder „KI-Agenten“ für sinnvoll, die konkret beim Suchen von Informationen oder Priorisieren von Aufgaben unterstützen. Voraussetzung dafür sind saubere Daten und klar definierte Prozesse. Das ist ein Thema, das man bei der Einführung unbedingt beachten muss.

René Wolf, CEO und Managing Director von RIB Software.(Bild:  Daniel Bointer)
René Wolf, CEO und Managing Director von RIB Software.
(Bild: Daniel Bointer)
Eigentümer und Betreiber sitzen von Anfang an an einem Tisch, um gemeinsam zu planen. RIB Unify liefert dafür die digitale Grundlage: einen gemeinsamen Datenraum, klare Aufgaben und vollständige Nachvollziehbarkeit.

In welcher Form hat RIB die KI integriert, zum Beispiel in „Omni“?

René Wolf: RIB Omni ist unsere Marke für KI-Lösungen innerhalb des Portfolios. Die Lösung hilft vor allem dabei, Zeitverluste zu vermeiden. Projektverantwortliche finden relevante Dokumente oder offene Aufgaben viel schneller. Studien belegen, dass in einem typischen Arbeitsmonat viele Stunden allein mit der Suche nach Informationen verbracht werden.

Hier setzt Omni an, um administrative Tätigkeiten zu reduzieren. So bleibt mehr Zeit für die Steuerung der Kernthemen. Die Teams können sich auf das Wesentliche konzentrieren: Probleme lösen und Projekte steuern. Das ist ein echter Produktivitätsgewinn angesichts der knappen Ressourcen in der Projektsteuerung.

Woher kommen die Daten für die KI? Stammen diese aus den Projekten selbst?

René Wolf: Die Daten kommen aus der Vielzahl der durchgeführten Projekte. Sie werden in unseren Tools so aufbereitet, dass die KI darauf arbeiten kann. Man lernt also aus vergangenen Projekten. Auch wenn jedes Projekt individuell ist: Wer fünf Krankenhäuser gebaut hat, kann beim sechsten Projekt aus den Daten Dinge ableiten und muss nicht bei Null anfangen. Dieser Lerneffekt auf Basis historischer Daten sorgt dafür, dass die Unterstützung durch die KI immer genauer und effizienter wird.

Sind fragmentierte Softwaretools ein Hemmnis für die Integration? Warum wird das Thema oft noch stiefmütterlich behandelt?

René Wolf: Kollaboration scheitert oft nicht am Willen, sondern an den Werkzeugen. Am Bau wurde traditionell sehr stark in Silos gearbeitet. Im Schnitt sind an einem Projekt 13 Vertragspartner beteiligt, und jeder hat eigene Werkzeuge und Daten. Das erschwert die Zusammenarbeit und fördert eher die gegenseitige Absicherung statt Transparenz.

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Wegen vertraglicher Gegebenheiten wie Haftung und Forderungen sichert sich jeder ab, anstatt gemeinsam schneller voranzukommen. Ohne eine gemeinsame Plattform bleibt Kollaboration oft ein Lippenbekenntnis. Erst durch integrierte, projektübergreifende Systeme wird die Zusammenarbeit praktikabel. Kollaboration braucht Verbindlichkeit, klare Prozesse und gemeinsame Daten.

Die Integrierte Projektabwicklung (IPA) setzt auf verbesserte Zusammenarbeit. Wie unterstützt RIB diesen Ansatz?

Eigentümer und Betreiber sitzen von Anfang an an einem Tisch, um gemeinsam zu planen. RIB Unify liefert dafür die digitale Grundlage: einen gemeinsamen Datenraum, klare Aufgaben und vollständige Nachvollziehbarkeit.

In komplexen IPA-Projekten hilft eine integrierte Plattform, Risiken früher zu erkennen. Wir kennen die Beispiele von Großprojekten wie dem Berliner Flughafen oder Stuttgart 21, wo Risiken Unsummen kosten. IPA steht für mich sinnbildlich für Kollaboration, die digital erst möglich gemacht wird.

Welche Trends sehen Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren als besonders wichtig an?

René Wolf: Ein Trend, den ich mir erhoffe, ist eine Vereinfachung der Komplexität in Vergabeprozessen und Regularien. Das muss die Politik leisten. Auf der anderen Seite steht die konsequente Umsetzung der Digitalisierung.

Neben der Softwareleistung brauchen wir saubere Prozesse und ein angemessenes Change-Management in den Unternehmen. Das ist eines der am meisten unterschätzten Themen. Man braucht die richtige Software, aber auch die Bereitschaft der Menschen, sich auf neue Arbeitsweisen einzulassen. Wenn wir diese drei Dinge – Tooling, Prozesse und Mindset – angehen, haben wir die Chance, die Zukunft des Bauens einfacher, transparenter und zuverlässiger zu machen.

Herr Wolf, vielen Dank für das Gespräch.