Expertentalk zur Kreislaufwirtschaft

Materialien mit Wiederkehr

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Dirk E. Hebel, Professor für Nachhaltiges Bauen, Fakultät für Architektur, KIT Karlsruhe

1. Nachhaltige und kreislauffähige Baustoffe sind heute technisch oft ausgereift. Trotzdem schaffen es nur wenige Innovationen in die breite Anwendung. Welche Hürden verhindern den Marktdurchbruch – und was müsste sich ändern, damit Pilotprojekte zum neuen Standard werden?

Ich teile Ihre Beobachtung. Was aber fehlt ist ein Anreiz, diese Stoffe auch einzusetzen und bevorzugt zu behandeln. Erste Diskussionen, dies durch Quoten und noch mehr Vorschriften zu erzwingen, finde ich falsch. Viel zielführender wäre es, diese Baustoffe aufgrund ihres geringeren CO2-Ausstosses besser zu stellen und so attraktiv werden zu lassen. Einige Länder in Europa haben dies bereits vorgemacht: Hier werden Baugenehmigungen nur noch erteilt, wenn der CO2-Fußabdruck von Gebäuden in der Erstellung und des Betriebs unter einem Wert liegt, der dynamisch bis zum Jahr 2050 auf Netto-Null abgesenkt wird. Planende müssen also überlegen, welche Materialien und Bauteile eingesetzt werden können, es ist ein Wettbewerb entstanden um die niedrigsten CO2-Werte.

In Skandinavien hat dies einen echten Innovationssprung ausgelöst, noch nie wurden so viele Firmen gegründet, die sich mit der Bereitstellung von Baumaterialien aus ehemaligen Abfällen beschäftigen. Wir müssen also einen Markt für Baustoffe etablieren, der die richtigen Ziele setzt: Wenn wir im Bauwesen weniger CO2 ausstoßen wollen, müssen wir auch den CO2-Fußabdruck eines jeden Gebäudes berechnen und diesen bewerten. Und da der Betrieb der Gebäude auch mitgerechnet wird, bräuchte es auch keine Gebäudemodernisierungsgesetze mehr. Es zählt einzig der CO2-Ausstoß, unabhängig der Technologien, die zum Einsatz kommen. Das wäre eine einfache Gesetzgebung, die jeder nachvollziehen kann, keine ideologischen Vorschriften macht und effektiv das Klima schützt.

Wir müssen einen Markt für Baustoffe etablieren, der die richtigen Ziele setzt: Wenn wir im Bauwesen weniger CO2 ausstoßen wollen, müssen wir auch den CO2-Fußabdruck eines jeden Gebäudes berechnen und diesen bewerten.
Dirk E. Hebel ist Professor für Nachhaltiges Bauen, Fakultät Architektur, KIT Karlsruhe. (Bild:  Oliver Göbel)
Dirk E. Hebel ist Professor für Nachhaltiges Bauen, Fakultät Architektur, KIT Karlsruhe.
(Bild: Oliver Göbel)

2. Die Kreislaufwirtschaft wird häufig über Recycling definiert. Doch immer mehr Projekte setzen auf Wiederverwendung, Rückbau und Urban Mining. Welche Ansätze haben aus Ihrer Sicht das größte Potenzial, um Materialien künftig tatsächlich im Kreislauf zu halten?

Das Wichtigste ist es einen Markt zu entwickeln, bei dem Wiederverwendung und -verwertung an erster Stelle stehen. Hierbei müssen Planende auf zertifizierte Produkte zurückgreifen können. In den letzten Jahren haben viel Büros mit intrinsischer Motivation diese Arbeit mit gemacht, haben sogar neue Berufsfelder wie „Bauteiljäger“ entwickelt, um an diese Teile und Materialien heranzukommen. Diese Arbeit muss nun in der Breite ankommen, für Planenden sollte es extrem einfach sein, zertifizierte Kreislaufmaterialien zu finden, in die Ausschreibungen zu bringen und reversibel einzubauen. 

3. Viele erfolgreiche Beispiele nachhaltigen Bauens bleiben außerhalb der Fachwelt weitgehend unbekannt. Wie gelingt es der Branche, Innovationen glaubwürdig sichtbar zu machen und Vertrauen in neue Materialien und Bauweisen aufzubauen?

Wir müssen in den Themen der Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft die unglaubliche Chance für unsere Bauwirtschaft erkennen. Seit Jahrzenten ist die Möglichkeit echter Innovation nicht mehr so hoch wie zurzeit. Dies müsste meiner Ansicht nach mit mutigen politischen Entscheidungen und ökologischer Weitsicht flankiert werden, wie es einige unserer europäischen Nachbarn bereits tun.

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