Super Spacer für die Pariser „Chambre des Notaires" Übergang zwischen Historie und Moderne

Von Regine Appenzeller 6 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Für die Modernisierung der Pariser „Chambre des Notaires" entstand im Innenhof eine halbmondförmige Glasfassade, die den Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar machen soll. Eiffage Métal realisierte die Fassadenkonstruktion und Doering Berlin fertigte die gebogenen Isoliergläser. Unterstützt wurde die Umsetzung durch flexible Abstandhalter, so genannte Super Spacer, um die Funktionsfähigkeit des Randverbunds über alle Geschosse hinweg sicherzustellen.

Die neue Vorhangfassade der Pariser „Chambre des Notaires“ soll den Übergang zwischen Historie und Moderne symbolisieren.(Bild:  Jared Chulski)
Die neue Vorhangfassade der Pariser „Chambre des Notaires“ soll den Übergang zwischen Historie und Moderne symbolisieren.
(Bild: Jared Chulski)

 „Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris“, schwärmte der deutsche Dichter Heinrich Heine einst. Er starb 1856, daher erlebte er den radikalen Umbau der mittelalterlich geprägten Innenstadt nicht mehr. Unter dem Präfekten Georges Eugène Haussmann begann ab 1853 eine umfassende, aber auch umstrittene Modernisierung: Tausende alter Gebäude wurden abgerissen, neue errichtet sowie breite Prachtstraßen, eine moderne Kanalisation und weitläufige Grünanlagen geschaffen. Bis heute bestimmen die meist sechsgeschossigen Haussmann-Bauten das Gesicht von Paris: einheitliche Fassaden aus hell ockerfarbenem Kalkstein, schmiedeeiserne Balkone und geneigte Mansarddächer.

Der Sitz der Pariser Notarkammer, die Chambre des Notaires in der Avenue Victoria 12 im 1. Arrondissement, auch bekannt als Hôtel du Châtelet, ist eine Ikone der Haussmannschen Architektur. Da die historische Struktur den funktionalen und technischen Anforderungen nicht mehr genügte, schrieb die Notarkammer 2019 einen Architektenwettbewerb aus. Der Entwurf sollte das Gebäude öffnen, moderne Arbeitsformen mit der historischen Substanz verbinden und das Image eines oft als verschlossen wahrgenommenen Berufsstands auffrischen. „Das Hôtel du Châtelet verkörpert ein feines Gleichgewicht zwischen Erbe und Moderne, ganz wie das Notariat selbst: ein Beruf, der im 21. Jahrhundert verwurzelt ist, seiner Tradition und seinem öffentlichen Auftrag treu geblieben", erläutert der Präsident der Notarkammer, Pierre Tarrade.

Dem Gewinnerkonsortium Atelier Senzu + Lagneau Architectes gelang es, das bauliche Erbe zu bewahren und gleichzeitig mehr Transparenz zu schaffen. Einbauten, die über Jahrzehnte Licht und Raumtiefe blockierten, wurden entfernt, sodass auch das Erdgeschoss wieder offen wirkte. Im Mittelpunkt der Neugestaltung stand die halbmondförmige, gläserne Innenhoffassade, die der Geometrie des Bestands folgt und sich vom Erdgeschoss bis zum sechsten Stockwerk erstreckt. Sie leitet das Tageslicht in die Räume und symbolisiert den Übergang von der historischen Substanz zu den modernen Arbeitsbereichen im hinteren Teil des Gebäudes.

305 m2 Vorhangfassade aus 77 gebogenen Isoliergläsern

Wandrille Marchais, einer der Gründungspartner des Architekturbüros Senzu, hat die technische Umsetzung der Glasfassade sinngemäß so beschrieben: „Die Gläser sind gebogen und selbsttragend, und genau darin liegt die Magie dieser Verglasung: Sie macht Pfosten und schwere Strukturen überflüssig und gibt dem Open Space sowie den Arbeitsbereichen eine klare Struktur und einen direkten Zugang zu intensivem Tageslicht.“

Die 77 jeweils 35,52 Millimeter starken Isolierglaselemente sind als zylindrisch gebogene, konkave Scheiben ausgeführt.(Bild:  Jared Chulski)
Die 77 jeweils 35,52 Millimeter starken Isolierglaselemente sind als zylindrisch gebogene, konkave Scheiben ausgeführt.
(Bild: Jared Chulski)

Die gebogenen Isoliergläser werden auf jeder Etage von Querstreben aus lackiertem, geschweißtem Stahl mit T‑Profil gehalten, deren Biegeradius exakt dem der Verglasung entspricht. Auf diesen Querstreben ist ein Vorhangfassadensystem auf Basis von Raico Therm + 56 montiert. Die Verglasung liegt auf einem EPDM‑Profil auf, das zugleich die Ableitung von Kondensat übernimmt, und wird über ein Pressprofil mit äußerer Abdeckschale fixiert. Punktuelle Silikon-Distanzstücke gleichen die durch die gebogenen Scheiben entstehenden Toleranzen aus; eine abschließende Silikonfuge ergänzt die Abdichtung. Die Stoßfugen zwischen den Gläsern werden mit einem Dichtprofil Typ B ausgeführt. Integrierte Schraubkanäle innerhalb der Tragkonstruktion ermöglichten das direkte Verschrauben der maßgefertigten Aluminium-Deckschalen ohne Schweißarbeiten an der Fassade.

Die 77 jeweils 35,52 Millimeter starken Isolierglaselemente sind als zylindrisch gebogene, konkave Scheiben ausgeführt und verfügen über vollständig feingeschliffene Kanten. Sie bestehen außen aus einem Verbundglas aus sechs Millimeter Floatglas und sechs Millimeter SG CoolLite SKN 176 II, verbunden durch eine 1,52 Millimeter starke PVB-Folie, einem 16 Millimeter breiten Abstandhalter Super Spacer Tri Seal Premium Plus sowie innen aus sechs Millimeter Floatglas. Umlaufend ist eine 12,5 Millimeter hohe Stufe ausgebildet. Die Bogenlänge beträgt 1305 Millimeter, der Innenradius 1.000 Millimeter, die Elementhöhe rund 1287 Millimeter.

Die Verglasung ist oben und unten fixiert, die vertikalen Kanten sind frei. Die gleichmäßige Lastabtragung erfolgt durch jeweils drei Tragklötze. Da die Fassade auch den Personenschutz gewährleisten muss, wurde sie statisch wie ein Geländer bemessen. Ein Weichkörper Aufpralltest mit 50 kg bestätigte die Widerstandsfähigkeit der Konstruktion.Enge Toleranzen verlangen Präzision bei Fertigung und Montage.

Die halbkreisförmige Geometrie der Innenhoffassade über sieben Geschosse erzeugte eine hohe gegenseitige Abhängigkeit aller Bauteile. Die zulässigen Toleranzabweichungen der gebogenen Isoliergläser lagen beim Radius im Bereich von bis zu fünf Millimetern, die zulässigen Höhendifferenzen bei bis zu sieben Millimetern. Bereits geringste Abweichungen bei den Isolierglaseinheiten oder bei der Höhenlage der Stahltraversen hätten sich über die gesamte Fassadenhöhe kumuliert. „Ein Millimeter pro Ebene hätte über sieben Geschosse bereits eine spürbare Verschiebung erzeugt und zu Passungsproblemen, ungleichmäßigen Klemmkräften und variierenden Silikonfugen führen können“, erläutert Benjamin Jourdanne, stellvertretender Betriebsleiter bei DO Bâtiment/Eiffage Métal.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Zulässige Radien- und Höhentoleranzen sicher aufnehmen

Jede Traverse und jedes Glas ist ein Unikat, das sich nur in einer definierten Reihenfolge und Höhenlage einbauen ließ. (Bild:  Jared Chulski)
Jede Traverse und jedes Glas ist ein Unikat, das sich nur in einer definierten Reihenfolge und Höhenlage einbauen ließ.
(Bild: Jared Chulski)

Strukturelle Anforderungen verstärkten diese Sensibilität. Die gebogenen Gläser übernahmen eine absturzsichernde Funktion und sind lediglich an Kopf- und Fußpunkt gelagert. Dadurch reagieren sie empfindlich auf Verformungen der Tragstruktur, denn Glas kann strukturelle Bewegungen kaum aufnehmen. Temperaturbedingte Längenänderungen der Stahltraversen oder minimale Setzungen werden unmittelbar in das Glas eingeleitet und könnten zu lokalen Spannungsüberhöhungen führen. „Ein flexibler Abstandhalter trägt dazu bei, die zulässigen Radien- und Höhentoleranzen sicher aufzunehmen. Durch seine Anpassungsfähigkeit an die individuelle Glasgeometrie werden lokale Abweichungen im Randbereich ausgeglichen und Spannungs-überhöhungen vermieden. Dies sichert die Funktionsfähigkeit des Randverbunds über die gesamte Fassadenhöhe“, sagt Carsten Kunert, Standortleitung Doering Berlin GmbH.

Auch die Montage stellte hohe Anforderungen. Die Installation der gebogenen Gläser in radialer Geometrie erforderte eine exakt abgestimmte Sequenz über alle Geschosse hinweg. Jede Traverse und jedes Glas war ein Unikat, das nur in einer definierten Reihenfolge und Höhenlage eingebaut werden konnte. Bereits geringe Abweichungen in der Position oder im Winkel einer Traverse wirkten sich unmittelbar auf die Passung des nachfolgenden Elements aus. Fehler in der Reihenfolge, in der Höhenlage oder in der Ausrichtung hätten zu Kollisionen, variierenden Fugenbreiten oder unzureichender Klemmung führen können. Die Installation verlangte deshalb eine hochpräzise, kontinuierlich überwachte Montageabfolge, bei der jede Ebene die Maßhaltigkeit der nächsten bestimmte.

Flexibilität des Super Spacer für Energieeffizienz und Langlebigkeit

Mit einem Wärmedurchgangskoeffizienten von 1,0 W/m²K sorgen die gebogenen Glaslemente im Winter für effizienten Wärmeschutz. Im Sommer reduziert die Sonnenschutzbeschichtung durch einen maximalen solaren Energiedurchlassgrad von 38 Prozent die Aufheizung, während eine Lichttransmission von mindestens 45 Prozent ausreichend Tageslicht bei minimaler Blendung gewährleistet. Auch der Abstandhalter aus dem Hause Edgetech/Quanex trägt zur energetischen Performance bei. „Wir setzen für die Fertigung unserer gebogenen Verglasungen aus mehreren Gründen ausschließlich Super-Spacer-Abstandhalter ein. Einer davon ist die Fähigkeit des schaumbasierten, metallfreien Systems, Wärmebrücken am Glasrand zu vermeiden, denn immer mehr Kunden spezifizieren Verglasungen mit anspruchsvollen energetischen Leistungswerten“, erklärt Kunert.

Darüber hinaus stellen gebogene Isolierglaseinheiten besonders hohe Anforderungen an den Randverbund. Aufgrund ihrer erhöhten Biegesteifigkeit reagieren sie sensibler auf klimatische Druckschwankungen und temperaturbedingte Längenänderungen. Die daraus resultierenden Pumpbewegungen wirken unmittelbar auf die Dichtungsebene. Der silikonbasierte Strukturschaum-Abstandhalter Super Spacer Triseal Premium Plus bietet eine niedrige thermische Leitfähigkeit und zeichnet sich durch hohe Elastizität sowie ein zuverlässiges Formgedächtnis aus. Er gleicht Schubspannungen durch einseitige Erwärmung und klimabedingte Volumenänderungen aus, entlastet die PIB-Primärdichtung und verteilt die Kräfte über Haftflächen und seitlichen Acrylkleber. Besonders in Klimazonen mit extremen oder stark schwankenden Temperaturen trägt dies zur langfristigen Stabilität und Funktionsfähigkeit der Isolierglaseinheiten bei und reduziert zuverlässig Gasverlust sowie Kondensatbildung im Scheibenzwischenraum. „Bei großformatigen, gekrümmten Fassadengläsern sind flexible Abstandhaltersysteme konstruktiv die einzige Möglichkeit, die Bewegungen kontrolliert aufzunehmen“, bestätigt Mike Moran, Vice President Sales bei Edgetech/Quanex. „Tri Seal Premium ist für die manuelle Verarbeitung, wie sie bei gebogenen Isolierglaselementen üblich ist, perfekt ausgelegt, da die Polyisobutylen-Primärdichtung bereits werkseitig appliziert wird.“ Weitere Informationen: www.edgetech-europe.com und www.quanex.com