Susanne Trierscheid, Bentley Systems, im Gespräch Wie sich generative KI, digitale Zwillinge und Modellierung ergänzen

Verantwortliche:r Redakteur:in: Andreas Müller 5 min Lesedauer

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Digitale Zwillinge, KI-gestützte Planung und fotorealistische 3D-Modellierung verändern die Infrastrukturbranche grundlegend. Susanne Trierscheid, Vice President Product Executive bei Bentley Systems, erläutert die Auswirkungen für Planer und Ingenieure.

Verfügbarkeit von Reality-Modeling-Services in Cesium: Bentley baut damit seine offene Plattform für die bebaute und natürliche Umwelt weiter aus.(Bild:  Bentley Systems)
Verfügbarkeit von Reality-Modeling-Services in Cesium: Bentley baut damit seine offene Plattform für die bebaute und natürliche Umwelt weiter aus.
(Bild: Bentley Systems)

Digitale Zwillinge, KI-gestützte Planung und fotorealistische 3D-Modellierung verändern die Infrastrukturbranche grundlegend. Susanne Trierscheid, Vice President Product Executive bei Bentley Systems, erläutert die Auswirkungen für Planer und Ingenieure.

Bauen Aktuell: Bentley verbindet in seinen Lösungen – etwa OpenSite+, SYNCHRO+ und Cesium ion – KI, digitale Zwillinge und Realitätsmodellierung. Welche Herausforderungen entstehen dabei?

Susanne Trierscheid: Bentley arbeitet seit Jahrzehnten an großen Infrastrukturprojekten mit enormen Datenmengen. Unsere Technologien waren schon immer darauf ausgelegt, solche Modelle handhabbar zu machen. Organisatorisch kennen wir die Probleme: Große Projekte entstehen mit unterschiedlichen Softwareanbietern, entsprechend heterogen sind die Datenformate. Diese müssen importiert, exportiert und gelesen werden können.

Susanne Trierscheid, Vice President Product Executive bei Bentley Systems.
(Bild: Bentley Systems)
Mit der neuen Generation digitaler Zwillinge gehen wir deutlich weiter, während Datenintegrität und -verlässlichkeit zentrale Herausforderungen bleiben.

Ein weiterer Punkt ist die Zugänglichkeit: Alle Beteiligten müssen Daten aus einem digitalen Zwilling einsehen und nutzen können, auch ohne tiefgehende Softwarekenntnisse. Daten dürfen nicht in einzelnen Dateien ‚eingesperrt‘ sein – insbesondere für KI-Zugriffe. Mit der neuen Generation digitaler Zwillinge gehen wir deutlich weiter, während Datenintegrität und -verlässlichkeit zentrale Herausforderungen bleiben.

Digitale Zwillinge auch ohne tiefgehende Softwarekenntnisse zugänglich

Bauen Aktuell: Wie stellt Bentley sicher, dass Offenheit mit Datenschutz, geistiges Eigentum und KI-Governance vereinbar bleibt?

Susanne Trierscheid: Die Daten gehören unseren Kunden – das respektieren wir konsequent. Vertrauen ist Grundvoraussetzung für nachhaltige Innovation. Kundendaten werden nur mit ausdrücklicher Vereinbarung für KI-Training verwendet. Für vertrauliche Projekte ermöglichen wir KI-Modelltraining in geschlossenen Umgebungen ausschließlich mit eigenen Daten. Unser Data Agreement Registry dokumentiert transparent, wie Daten verwendet wurden. Kunden erhalten volle Einsicht in das KI-Modelltraining.

Bauen Aktuell: Wie gehen Sie mit Qualitätssicherung, Standardisierung und Kontexttreue fotorealistischer Daten um – besonders als Grundlage für KI-Analysen?

Susanne Trierscheid: Die Qualitätssicherung großer Reality-Modelle ist sehr wichtig. Ein bekanntes Risiko generativer KI ist das ‚Erfinden‘ von Inhalten bei fehlenden Informationen. Deshalb basieren unsere Reality-Modelle auf offenen Standards wie 3D Tiles des Open Geospatial Consortium. Dieser Standard erlaubt effiziente Darstellung extrem großer Datenmengen per Streaming mit überprüfbarer Struktur.

SYNCHRO+, Teil der Bentley Infrastructure Cloud, ist eine KI-gestützte Bauanwendung der nächsten Generation, die die traditionelle 4D-Modellierung neu definiert.(Bild:  Bentley Systems)
SYNCHRO+, Teil der Bentley Infrastructure Cloud, ist eine KI-gestützte Bauanwendung der nächsten Generation, die die traditionelle 4D-Modellierung neu definiert.
(Bild: Bentley Systems)

Die Rohdaten werden über Georeferenzierung und KI-gestützte Kategorisierung angereichert. Diese Algorithmen sind beispielsweise in iTwin Capture integriert und kundenspezifisch trainierbar. Die Verantwortung für die finale Qualität liegt beim Kunden. KI unterstützt, ersetzt aber keine ingenieurmäßige Prüfung.

Bauen Aktuell: Wie wird gewährleistet, dass der Bentley Copilot den ingenieurtechnischen Kontext versteht?

Susanne Trierscheid: Bentley ist ein Unternehmen von Ingenieuren für Ingenieure. Viele Produktverantwortliche haben ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund, ich selbst bin Architektin.

Unsere Lösungen sind stark industriespezifisch ausgelegt und umfassen jahrzehntelanges Fachwissen. Gleichzeitig lernen wir kontinuierlich von unseren Kunden.

Der Kontext umfasst viele Ebenen: Projektziele, Budget, Zeitrahmen, regulatorische Anforderungen, Umweltaspekte sowie räumlichen und klimatischen Kontext. Generative KI profitiert von strukturiert verfügbaren Informationen. Unsere Copiloten sind darauf ausgelegt, unterschiedlichste Datenquellen zu analysieren und daraus relevanten Kontext aufzubauen.

Bauen Aktuell: Wie funktioniert die Infrastructure AI Co-Innovation Initiative in der Praxis?

Susanne Trierscheid: Wir arbeiten seit Jahren eng mit Anwendern zusammen. OpenSite+ wurde gemeinsam mit unseren Kunden entwickelt. Die neue Initiative formalisiert und öffnet diesen Prozess weiter: Kunden können aktiv auf uns zukommen und gemeinsam konkrete KI-Anwendungsfälle entwickeln. Dieser Austausch hilft uns, frühzeitig zu erkennen, was die Branche benötigt. Vertrauen in KI ist in sicherheitskritischen Infrastrukturprojekten noch begrenzt, deshalb gehen wir bewusst Schritt für Schritt vor.

Bauen Aktuell: Welche Rolle spielt KI in der Pipeline von iTwin Capture bis Cesium ion?

Susanne Trierscheid: KI spielt vor allem bei automatischer Georeferenzierung, Kategorisierung von Punktwolken und interaktiven Analysewerkzeugen eine Rolle. Diese Funktionen erlauben bereits gute Plausibilitätsprüfung. Eine vollständige ingenieurmäßige Verifikation erfordert gegebenenfalls zusätzliche Analysen nach definierten Prüfstandards. Die Entscheidung über die Prüftiefe bleibt beim Ingenieur.

Bauen Aktuell: Welche Effizienzgewinne erwarten Sie durch 3D Tiles über Cesium, und wie verändert sich die Arbeit klassischer CAD-Anwender?

Susanne Trierscheid: Für CAD-Anwender ändern sich Arbeitsabläufe zunächst kaum. Der große Unterschied liegt in Visualisierungsqualität und Performance. Mit 3D Tiles und Cesium können sehr große Modelle erstmals flüssig in Echtzeit dargestellt werden – inklusive detaillierter Umgebungsmodelle.

Planer erhalten deutlich besseres räumliches Verständnis, auch für Stakeholder ohne technische Expertise. Bei großen Infrastrukturprojekten mit enormer räumlicher Ausdehnung ist das ein großer Fortschritt.

Bauen Aktuell: Können Sie das Zusammenspiel von generativer KI und Realitätsmodellierung in der nächsten Generation digitaler Zwillinge erläutern?

Susanne Trierscheid: Generative KI und Realitätsmodellierung ergänzen sich ideal. Je mehr reale Randbedingungen aus Bestands- und Umgebungsmodellen in die Planung einfließen, desto bessere Ergebnisse kann KI liefern.

Wenn Kontextinformationen aus Realitätsmodellen direkt in KI-gestützte Planungsprozesse einfließen, entstehen Entwürfe, die von Beginn an eng an reale Gegebenheiten gekoppelt sind.

Infrastrukturplanung als interaktiver, visueller Prozess

Bentley Infrastructure Cloud Connect bildet eine zuverlässige Grundlage für die Vernetzung von Daten und Menschen über den gesamten Lebenszyklus und die gesamte Wertschöpfungskette von Infrastrukturen hinweg.(Bild:  Bentley Systems)
Bentley Infrastructure Cloud Connect bildet eine zuverlässige Grundlage für die Vernetzung von Daten und Menschen über den gesamten Lebenszyklus und die gesamte Wertschöpfungskette von Infrastrukturen hinweg.
(Bild: Bentley Systems)

Bauen Aktuell: Inwiefern wird die Infrastrukturplanung künftig stärker zu einem interaktiven, visuellen Prozess?

Susanne Trierscheid: Die Erlebbarkeit von Projekten ist besonders in öffentlichen Genehmigungsprozessen wichtig. Digitale Zwillinge ermöglichen es, Projekte realitätsnah, maßstäblich und räumlich zu erleben. Das war zum Beispiel auf der Year in Infrastructure-Veranstaltung im iLab sehen. Dort wurde ein digitaler Zwilling mit VR-Brillen in Originalgröße begehbar gemacht. Die Visualisierung macht Schwachstellen, Überschneidungen und funktionale Probleme frühzeitig sichtbar. Solche Technologien bieten großes Potenzial, Planungs- und Entscheidungsprozesse nachhaltig zu verbessern.

Offene Standards und Open Source als zentrale Entwicklungsparameter

Bauen Aktuell: Was bedeutet „offene Plattform für die gebaute und natürliche Umwelt” für zukünftige Entwicklungsschritte?

Susanne Trierscheid: Digitale Zwillinge müssen zugänglich sein, sonst können weder Menschen noch KI sinnvoll damit arbeiten. Offene Standards und Open Source sind zentrale Entwicklungsparameter. Daten müssen kombinierbar sein, Bestands- und Neubauprojekte zusammengeführt, Analysen während des gesamten Lebenszyklus ermöglicht werden. Der enge Dialog mit unseren Kunden ist dabei entscheidend, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln.

Bauen Aktuell: Frau Trierscheid, herzlichen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen: https://www.bentley.com/

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