Bauen im Bestand: Apotheke entkernt, saniert und neu eingerichtet So gelingt der Umbau bei laufendem Betrieb

Von Michael Sudahl 3 min Lesedauer

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Innerhalb von zwölf Wochen wurde die Dr. Palm'sche Apotheke am Schorndorfer Marktplatz entkernt, saniert und neu eingerichtet. Architekt Alexander Wahl, der sein Büro schräg gegenüber der Baustelle hat, weiß, worauf beim Umbau bei laufendem Betrieb zu achten ist. Er hat auch das Innenkonzept für den neuen Verkaufsraum, die sogenannte Offizin, entworfen.

Architekt Alexander Wahl und Daniel Mudroh, Geschäftsführer der Palm KG (Vermieterin der Apotheke), in der modernisierten Dr. Palm'sche Apotheke am historischen Schorndorfer Marktplatz.(Bild:  Palm KG)
Architekt Alexander Wahl und Daniel Mudroh, Geschäftsführer der Palm KG (Vermieterin der Apotheke), in der modernisierten Dr. Palm'sche Apotheke am historischen Schorndorfer Marktplatz.
(Bild: Palm KG)

Herr Wahl, von Anfang April bis Mitte Juni dieses Jahres haben Sie Schorndorfs Schmuckstück - die Palm'sche Apotheke - bei laufendem Betrieb umgebaut. Wie gelingt so eine Baustelle - und warum wurde die Apotheke während der Bauzeit nicht geschlossen?

Alexander Wahl: Schließtage hätten bedeutet, dass die Apotheke keinen Umsatz macht, die Kunden sich vielleicht anders orientieren und künftig ausbleiben. Deshalb musste der Umbau bei laufendem Betrieb erfolgen. Der Knackpunkt bei der Modernisierung war, die Bauphase in vier Bauabschnitte zu gliedern. Und diese Phasen allen beteiligten Handwerkern, dem Apothekenpersonal, dem Bauherrn und dem Mieter, Apotheker Thorsten Leiter, transparent zu kommunizieren.

Wie sieht eine solche Kommunikation im Detail aus?

Alexander Wahl: Vorbereitend haben wir Terminpläne erstellt, die wir detailliert mit den Handwerkern abgestimmt haben. Anschließend bekam jede Firma eine taggenaue Aufstellung in welchen Zeitfenstern die Leistungen zu erbringen sind. Da mein Büro keine zwei Gehminuten über den Marktplatz entfernt ist, war ich mehrmals täglich auf vor Ort, um Fragen zu klären, die Arbeiten zu begleiten und mit dem Apothekenteam abzustimmen. Es war von Anfang an klar, dass wir alle Beteiligten ins Boot holen wollten. Jeder Bauabschnitt bedeutete, dass wir die HV-Tische, an denen die Kundinnen betreut werden, umstellen mussten. Für den Betrieb der Kassensysteme mussten provisorische Stromkabel verlegt werden. Wir haben Staubschutzwände auf- und wieder abgebaut und mit flexiblen Raumteilern den Verkaufsraum immer wieder so ausgerichtet, dass sich die Kundinnen schnell orientieren konnten. Aber wissen Sie was?

Nein, was?

Alexander Wahl: Wir dachten, die Baustelle mit Lärm und Staub würde die Kundinnen abschrecken. Aber das Gegenteil war der Fall. Je mehr sich in den Räumen tat, desto mehr Leute kamen, um zu sehen, was in der Apotheke los ist.

Die Kundenfrequenz in der Apotheke zu erhöhen, war doch auch das Ziel der Modernisierung?

Alexander Wahl: Genau! Die alte Ladeneinrichtung hatte einen introvertierten Charakter. Die HV-Tische waren u-förmig angeordnet. Man musste quasi in die alte Apotheke eintauchen. Unser Konzept drehte das U um. Über eine ursprünglich freie Thekenform kamen wir schließlich zu einer abgerundeten Verkaufstheke. Diese extrovertierte Form unterstreicht auch die neue Transparenz der Apotheke. Denn wir haben die zuvor zugeklebten Rundbogenfenster freigelegt und eine dritte Eingangstür geschaffen. Wer draußen auf dem Marktplatz steht, kann nun in die Apotheke hineinschauen. Der Außenraum geht in den Innenraum über und verbindet sich in der Wahrnehmung. Innen haben wir mit einem Fußboden in Zementoptik den Farbton der Granitpflastersteine des Marktplatzes aufgenommen. Wer in der Apotheke steht, soll sich als Teil des Marktplatzes fühlen -- und umgekehrt.

Trotz aller Planung war die Apotheke insgesamt zehn Tage geschlossen. Warum?

Alexander Wahl: Weil wir so Zeit gewonnen haben. Außerdem konnten wir so den neuen, vollautomatischen Medikamentenautomaten im Keller direkt unter der Apotheke installieren. Für die Medikamentenlifte mussten drei Durchbrüche mit 70 cm Durchmesser in die Stahlbetondecke gebohrt werden. Doch die sechs, drei und ein Schließtag waren nicht am Stück, sondern auf drei Termine mit mehreren Wochen Abstand verteilt. Und gingen zum Teil über ein Wochenende, an dem auch auf der Baustelle gearbeitet wurde. So waren es am Ende drei kleine Blöcke statt einer fast 14-tägigen Pause.

Worin besteht aus Sicht des Architekten die Herausforderung beim Umbau einer Apotheke?

Alexander Wahl: Eine Apotheke hat zwar den Charakter eines Einzelhandelsgeschäfts, ist aber kein Dekorations- oder Geschenkeladen. Einerseits wird in einer Apotheke verkauft, aber es geht auch um Intimität. Gleichzeitig sollen die Angebote in den Regalen die Kundinnen animieren, Drogerieartikel wie Kosmetik oder Hustenbonbons zu kaufen. Dieses Konzept zu entwickeln ist die Kernaufgabe der (Innen-)Architektur.

Oft tauchen beim Bauen im Bestand Fragen auf – worauf musste bei der Palm'schen Apotheke geachtet werden?

Alexander Wahl: Der Brandschutz hat uns schon gefordert. Aber wir hatten einen guten Gutachter an der Seite, der gerade beim Thema Fluchtwege gute Lösungen gefunden hat. Zum Beispiel, dass der zweite Rettungsweg aus dem Untergeschoss über eine Leiter mit Rückenschutz erfolgt. Ähnlich, wie wenn die Feuerwehr mit der Drehleiter Menschen aus oberen Stockwerken rettet. Nur sicherer, weil die jetzt eingebaute Leiter Keller und Erdgeschoss verbindet und fest mit der Wand verschraubt ist. Das fanden auch die Feuerwehrleute gut.

Weitere Informationen: https://www.architekten-werkstatt.de/projekte/gewerbe/dr-palmsche-apotheke/

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