Der ehemaligen Bergstation am südtiroler Helm wurde mithilfe eines außergeöhnlichen Upcycling-Projekts neues Leben eingehaucht. Wo einst Seilbahnen ankamen, entstand mit dem Reinhold Messner Haus ein offener Raum in den Bergen – behutsam eingebettet in die Natur, gewidmet der alpinen Kultur und Nachhaltigkeit.
Das Reinhold Messner Haus am Helm fügt sich nahtlos in die Landschaft ein und lässt eine veränderte Topografie sowie ein neues Gleichgewicht zwischen Gebäude und Natur entstehen.
(Bild: Florian Jaenicke)
Wir befinden uns in den Dolomiten in Südtirol, unweit der Drei Zinnen, in etwa 2.000 Metern Höhe an der alten Seilbahnstation, die einst von Sexten auf den Helm führte. Dieses Ambiente greifen die Räume des von Plasma Studio entworfenen Reinhold Messner Hauses dank ihres zeitlosen Flairs erzählerisch auf.
Wie ein Bergkristall ragt der Bau aus dem Wald. Er ist gezeichnet von Schrammen und Gebrauchsspuren – Zeugnis einer noch spürbaren Vergangenheit. Im Inneren führt ein Weg vorbei an mechanischen Bauteilen – Seilscheiben, Zugseilen, Zahnrädern – die wie archäologische Fundstücke nun stillstehen und farbenfroh als kinetische Kunst weiterleben dürfen. Der Ausstellungsbesuch ist ein geheimnisvoller und lehrreicher Weg, der im bewegenden Ausblick über das spektakuläre Bergpanorama gipfelt.
Ressourcenschonende Umnutzung der alten Seilbahnstation: den Bogen spannen von der Geschichte zur lebendigen Gegenwart und Zukunft.
(Bild: Florian Jaenicke)
Mehr als eine Ausstellung
Das Reinhold Messner Haus ist ein Ort, der informieren soll und zur Reflexion einlädt: über Risiko, Langsamkeit, Stille und Nachhaltigkeit im Tourismus und beim Bergsteigen. Diese Themen sind auch in das Sanierungsprojekt eingeflossen: Schon das ursprüngliche Gebäude war darauf ausgelegt, Extrembedingungen standzuhalten. Jetzt wurde es im Sinne eines noch intensiveren Dialogs mit der Natur umgestaltet. Dank der Erneuerung geht das kraftvoll ins Gestein eingebrachte Baugefüge eine direkte Verbindung mit der umgebenden Landschaft ein und wird so eindrucksvoll wiederbelebt. Dabei weitet die immersive Wegeführung den Blick für einen neuen Tourismus in den Alpen – einen, der bewusster, langsamer und umweltschonender ist.
Dem Hauptgebäude der alten Seilbahnstation verleihen zahlreiche Zusatzbauten eine höhere Leichtigkeit. So entstand eine weitläufige Überdachung, die wie eine künstliche Landschaft in die natürliche übergeht. Eine Ausschachtung im Beton durchbricht diese neue Topografie und gewährt den Besuchenden Zugang zum darunterliegenden Foyer. Hier beginnt der imposante 17 Meter tiefe ehemalige Spannschacht, der die Besucher nun senkrecht durch die Ausstellung führt: Umgeben von der rauen Ästhetik des alten Baumaterials steigen sie zunächst hinab zu den alten Lagerräumen. Anschließend geht es wieder aufwärts in einen lichtdurchfluteten Raum, der einem den ersten eindrucksvollen Ausblick auf die Dolomiten eröffnet.
Kulturelles und Naturerlebnis: Auf dem Weg durch das Gebäude wechseln sich Erzählräume mit spektakulären Aussichten ab.
(Bild: Florian Jaenicke)
Der Bereich unterhalb des alten Kabinenzugangs ist nun ein Aussichtspunkt. Dort wurde Abbruchschutt in eine modellierte Bodenlandschaft verarbeitet, die auf eine über die Landschaft ragende Plattform führt. Der Aufstieg gipfelt in der Haupthalle. Dem ursprünglichen Stahlkonstruktion der Station folgend, wird diese von einer großen, nach vorn geneigten Fensterfassade dominiert – mit Blick auf ein atemberaubendes 180-Grad-Bergpanorama. Von hier aus führt der Rundgang weiter durch die alten Werkstätten und Lagerräume bis zu einem kleinen Saal, der für Filmvorführungen sowie für Konferenzen konzipiert ist, und zurück ins Foyer. Die dabei durchquerten Technikräume sind fester Bestandteil des Ausstellungserlebnisses.
Die Aussichtsplattform soll das Verhältnis zwischen Architektur und Landschaft unterstreichen.
(Bild: Florian Jaenicke)
Wo zuvor die Seilbahnkabinen einfuhren, befindet sich nun eine trapezförmig geöffnete Überdachung. Dieses Element bleibt in Anlehnung an die einstige Funktion des Gebäudes erhalten; eine neue Glasfassade wandelt es in eine Aussichtswarte um. Auch die Aussichtsplattform im unteren Erzählraum unterstreicht das Verhältnis zwischen Architektur und Landschaft. Sie dient dem ausstellerischen und pädagogischen Ziel, einen Dialog zwischen dem Erbe Reinhold Messners und den überwältigenden Dolomiten herzustellen.
Gleichgewichte schaffen zwischen Mensch und Natur
Das von der 3 Zinnen AG in Auftrag gegebene Projekt greift Reinhold Messners Sicht auf die Berge auf: Statt um das Bergsteigen selbst geht es ihm vielmehr darum, ein Gleichgewicht zwischen menschlicher Präsenz und Natur, zwischen Erinnerung und Wandel herzustellen. Vor diesem Hintergrund fiel die Wahl nicht allein aus baustrategischen Gründen auf Umbau und Upcycling; es galt auch, den Ort und seinen Charakter zu bewahren. Abbruchmaterial aus Ziegel und Beton wurde zur Gestaltung des Bodens wiederverwendet. Die ursprünglich vorhandene Blechfassade dient als Untersicht der neuen, gedämmten Gebäudehülle. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das seinen Ursprung nicht versteckt, sondern weiterführt: Die baulichen Gegebenheiten fließen in die Form der Ausstellung ein.
Ulla Hell leitet Plasma Studio Italy in Sexten.
(Bild: Florian Jaenicke)
Unter der Leitung von Ulla Hell hat Plasma Studio ein Feingefühl bewiesen, um dem architektonischen und landschaftlichen Anspruch des Projekts gerecht zu werden. Das Architekturstudio ist für seine Experimentier- und Innovationsfähigkeit bekannt und arbeitet mit fließenden, dynamischen Systemen, um die Beziehung zwischen Architektur und Landschaft immer neu zu denken. Auch das Reinhold Messner Haus ist ein Beispiel für diese Vorgehensweise:, als Ausdruck einer Wertschätzung für das Bestehende. Plasma Studio verzichtet nicht auf bauliche Eingriffe, setzt stattdessen auf zeitgemäße Neuinterpretation. In einem fragilen Ökosystem wie dem der Dolomiten ist dieser Entwurfsansatz eine bewusste Entscheidung für ethisch verantwortungsvolles Handeln. Mit dem Projekt erhalten funktionale Gebäude am Berg eine neue Bestimmung. So werden sie unter Anerkennung ihres historischen und materiellen Werts auf eine achtsamere Zukunft vorbereitet. Weitere Informationen: www.plasmastudio.com und www.thearchitecturecurator.com
Stand: 16.12.2025
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