Milliardenschwere Bauschäden: Warum die Betonwände brüchig wurden
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Rainer Trummer
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Seit Jahren sorgt instabiler Beton in der irischen Grafschaft Donegal für massive Bauschäden an vielen Häusern. Forschende der Empa haben nun die Ursache dafür ermittelt.
(Quelle: Vor Ort in Irland: Empa-Forscher Andreas Leemann steht den Medien Rede und Antwort zu den Forschungsresultaten der Empa. Paul Dunlop/Ulster University)
Nach aufwändigen Analysen haben Forschende des interdisziplinären Forschungsinstituts Empa die Ursache des Beton-Skandals in der irischen Grafschaft Donegal gefunden.Dort haben Bauschäden seit Jahren Proteste ausgelöst. Denn die Betonwände von tausenden Häusern sind von Rissen durchgezogen, die teure Reparaturen oder gar einen Abbruch nötig machen. Der Grund, so dachte man lange, sei ein zu hoher Glimmergehalt im Beton. Durch die Empa-Untersuchungen lassen sich schwere Bauschäden künftig vermeiden. Der wahre Schuldige – das Mineral Pyrrhotin – ist nun identifiziert.
«Unsere Häuser bröckeln!», heißt es auf einem Plakat bei einer Demonstration in Dublin. «100% Wiedergutmachung», steht auf T-Shirts von Teilnehmenden – zu sehen auf einem Foto der Online-Ausgabe der «Irish Times» vom 15. November. Seit Jahren sorgt instabiler Beton in der Grafschaft Donegal für massive Bauschäden an vielen Häusern. Damit befasst sich seit April 2016 auch eine Task Force der Regierung. Seit Jahren gibt es Demonstrationen, Streit im Parlament. Die Kosten für Schäden und Entschädigungen dürften sich auf bis zu drei Milliarden Euro belaufen; geschätzt, heutiger Stand.
Die Schlagzeilen zu diesem Fall rücken nun auch Empa-Forschende ins Rampenlicht. Denn auf einer Fachkonferenz zu diesem heiklen Thema im irischen Letterkenny am 15. November hat Andreas Leemann, Leiter der Forschungsgruppe «Betontechnologie», einen Vortrag gehalten, der für große Augen sorgte. Er schilderte Resultate von Analysen zum instabilen Beton, die zusammen mit dem Umweltforscher Paul Dunlop von der «Ulster University» und weiteren Fachleuten durchgeführt wurden – und widersprach einer bis dato weit verbreiteten Vermutung. Ein hoher Anteil des Minerals Glimmer, so die bisherige These, mache den Baustoff, wenn seine Poren mit Wasser gefüllt sind, anfällig für Frostschäden.
(Risse bis hinauf zum Dach: Ein typischer Schadensfall in der irischen Grafschaft Donegal. Bild: Andreas Leemann/Empa)
Glimmer nicht für die Bauschäden verantwortlich
Die Ursache sehen die Schweizer Fachleute hingegen in einem anderen Bestandteil. Den hatten die Fachleute in Irland zuvor nicht im Visier. Denn detaillierte Untersuchungen von Betonproben von vier betroffenen Häusern zeigten, dass ein Mineral namens Pyrrhotin aus Eisen und Schwefel im Baumaterial in großen Anteilen vorhanden ist. Und das hat offenbar eine verhängnisvolle Kaskade ausgelöst.
Wenn Pyrrhotin im Zementstein des Betons durch anwesenden Sauerstoff oxidiert wird, setzt dies Schwefel frei. Dieser wiederum führt zur Bildung von Ettringit. Dieses Mineral entsteht zwar ohnehin bei der Erhärtung von Zement. Doch die zusätzliche Ettringit-Bildung führt zu einer Ausdehnung, die schließlich Risse im Beton verursacht.
Wird weiterer Schwefel freigesetzt, bildet sich das Mineral Thaumasit. Dieser Prozess reduziert die Festigkeit des Betons, indem wichtige Bestandteile wie Calciumsilikathydrate auflöst werden. Das kann letztlich in einem Zerfall des Baustoffs resultieren.
Bauschäden: Detektivische Erforschung der Mechanismen
Um die Schadensmechanismen im Inneren dieses speziellen Betons aufklären und nachzuweisen zu können, war Detektivarbeit des Empa-Teams nötig. Diese reichte von herkömmlichen Materialtests über aufwändige Rasterelektronenmikroskop- und Röntgenuntersuchungen bis hin zu thermodynamischen Modellierungen. Und zusätzlich Recherchen in meteorologischen Daten, um der gängigen Theorie von Frostschäden durch zu hohen Glimmergehalt auf den Zahn zu fühlen.
Gegen diese Vermutung hatte schon der Augenschein vor Ort gesprochen. Typische Risse durch Kälteeinfluss verlaufen parallel zu den Wänden. Hier hingegen verliefen sie nur senkrecht in die Wände hinein – oft vom Boden bis hinauf zum Dach. In manchen Fällen hatten sie sich sogar von oben, wo der Kälteeinfluss geringer ist, nach unten fortgesetzt.
Wie sich zeigte, sprachen auch die meteorologischen Auszeichnungen klar gegen die Ursache Frost. Wetterphasen von der nötigen Kälte und Dauer, die derartige Schäden hätten auslösen können, kamen im atlantisch-geprägten Klima der Region zu selten vor, nämlich nur zwei Mal: ab Mitte Dezember 2009 und ab November 2010. Zudem zeigten sich erste Schäden bereits vor diesen Ereignissen, und bei den betroffenen Häusern ist auch in Sommermonaten eine Aufweitung der Risse festzustellen. Sie können auch Innenwände betreffen, die vor den Elementen geschützt sind. Fazit: Der Frost spielt keine oder allenfalls eine Nebenrolle bei den Bauschäden.
Grenzwerte in EU-Bauvorschriften überschritten
Doch warum hat man die neue Erklärung durch den Pyrrhotin-Gehalt und seine Folgen zuvor übersehen? Diese Möglichkeit wird laut Andreas Leemann in der betreffenden irischen Bauvorschrift IS 465 schlicht nicht berücksichtigt. Dagegen ist in der entsprechenden EU-Norm EN 12620 vorgeschrieben, dass ein allfälliger Pyrrhotin-Gehalt in den Baustoffen beim Schwefelgehalt berücksichtigt werden muss. «Wir haben den Schwefelgehalt der Gesteinskörnung des Betons in Proben von vier Häusern analysiert», sagte Leemann gegenüber der «Irish Times», «die Werte überschritten den zulässigen EU-Grenzwert um den Faktor 4 bis 7.»
Stand: 16.12.2025
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Obwohl die Empa-Fachleute Proben aus nur vier Häusern im Detail untersucht haben, liegt es nahe, dass sich die Resultate verallgemeinern lassen. Denn Daten von irischen Ingenieuren aus fast 100 betroffenen Häusern zeigen, dass auch sie beachtliche Mengen an Pyrrhotin enthalten.
Betroffene teils in schwierigen Situationen
Die Einsichten aus der Schweiz haben in Irland bereits ein großes Echo ausgelöst, wie Berichte im irischen Fernsehen und Radio und in Zeitungen wie der «Irish Times» zeigen. Und das Thema wird auch in Zukunft viel Aufmerksamkeit bekommen, zumal das Empa-Team das Betonproblem in einem Projekt, finanziert vom irischen Staat, gemeinsam mit internationalen Partnern noch vertiefter untersuchen wird. Bei der Fachtagung Mitte November waren auch zwei Betroffene zugegen, die von ihrer Situation berichteten. In der Kritik der Öffentlichkeit steht dabei unter anderem, dass ein Antrag auf staatliche Entschädigungen bisher nur für betroffene Erstwohnsitze möglich ist. Inzwischen wurde indes bekannt, dass die am stärksten von den Bauschäden betroffenen Hauseigentümer in einem ersten Schritt bis zu 20'000 Euro staatliche Unterstützung erhalten werden. Das soll ihnen ermöglichen, auszuziehen und eine vorübergehende Bleibe zu finden oder ihre Besitztümer einzulagern.
Über die Zustände für die Betroffenen konnte sich der Empa-Fachmann bei seinen Erkundigungen vor Ort ein Bild machen und diese fotografisch dokumentieren: durchrissene Fassaden, großflächiger abgeplatzter Putz, komplett zersetzter Beton und schwere Schimmel-Schäden. In einem der Häuser waren sie in Küche und Schlafräumen so ausgeprägt, dass die dreiköpfige Familie seit langem im Wohnzimmer übernachtet – Zustände, die man in Europa nicht erwarten würde. «Diese Menschen», so Leemann, «leben in einer Ruine.»
Bild oben: Vor Ort in Irland: Empa-Forscher Andreas Leemann steht den Medien Rede und Antwort zu den Forschungsresultaten der Empa. Bild: Paul Dunlop/Ulster University