Kreislaufwirtschaft Kreislaufwirtschaft im Bauwesen: Die große Expertenumfrage

Ein Gastbeitrag von Regine Appenzeller 11 min Lesedauer

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Besonders im Bauwesen gewinnt Circular Economy in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Angesichts der drängenden Umweltprobleme und der Notwendigkeit, Ressourcen effizienter zu nutzen, haben wir acht Experten zu Chancen und Herausforderungen dieser nachhaltigen Wirtschaftsweise befragt. Ihre Meinungen zur Kreislaufwirtschaft im Bauwesen verdeutlichen, dass nicht nur das Reduzieren von Abfall und Emissionen im Vordergrund stehen, sondern auch Wege zu ebnen sind für wirtschaftliche Vorteile und innovative Geschäftsmodelle.

(Bild:   Mongta Studio/AdobeStock)
(Bild: Mongta Studio/AdobeStock)

Fragen an die Experten:

  • In der Baubranche etablieren sich Rohstoff-, Energie- und Nutzungskreisläufe, die über reines Recycling hinausgehen, noch viel zu langsam. Dabei bietet eine sozial und ökologisch konsequent aufgebaute Circular Economy doch die Chance, echte Geschäftsmodelle zu entwickeln und damit Geld zu verdienen. Welche konkreten Maßnahmen könnten dazu beitragen?

  • Wie lassen sich diese Prozesse so digitalisieren, dass klimazielkonformes und ressourcen-­schonendes Bauen zum Standard werden (etwa Plattformen für gebrauchte Baustoffe usw.)?

  • Welche öffentlichen Regularien schieben die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen an? Wie können Fördermittel oder Zertifizierungs- und Bewertungssysteme die Umweltleistung von Bauprojekten ­verbessern (Beispiel BNB, DGNB-Zirkularitätsindex usw.)?

Gesetzliche Anforderungen und wirtschaftliche Fragen 

Michael Halstenberg 
Leiter Verbands- und Kooperationsmanagement Bau der VHV ­Allgemeine Versicherung AG und Mitglied des Vorstands bei der Initiative Deutschland baut! e.V.

Bildquelle: VHV ­Allgemeine Versicherung AG

1. Nutzungskreisläufe, die nicht auf Recycling aufbauen, setzen voraus, dass Bauprodukte weiter- oder wiederverwendet werden. Dabei kann zuvor repariert oder gewartet werden. Solche Bauprodukte müssen aber oftmals ­(aktuelle) bauaufsichtliche Anforderungen erfüllen, also bestimmte Leistungen erbringen. Bei einem neuen Bauprodukt garantiert das der Hersteller. Bei gebrauchten Produkten gibt es aber keinen Produktverantwortlichen. Künftig wird das derjenige sein, der das Produkt dem Markt wieder zur Verfügung stellt. Dieser müsste die Leistung des Produkts mittels Testverfahren und Sachverständiger zuverlässig ermitteln. Das ist mit erheblichen ­Kosten verbunden, zumal jedes Produkt geprüft werden müsste, sofern es nicht möglich ist, etwa für eine größere Charge, eine repräsentative Prüfung vorzunehmen. Ein Geschäftsmodell liegt daher eher in einer Rücknahme und Aufarbeitung gebrauchter Produkte durch den Hersteller, der die Produkte recycelt und als neu oder neuwertig wieder auf dem Markt bereitstellt.

2. Das Problem ist nicht die Digitalisierung und/oder das Betreiben einer Plattform. Das Problem liegt in der Verwendbarkeit solcher Produkte (siehe Frage 1). Neben Fragen der Erfüllung gesetzlicher Anforderungen an die Verwendung sind wirtschaftliche Fragestellungen zu klären. Der Wert des Produkts muss in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand (Transport, Versicherung) stehen, damit es nachgefragt wird. Auch die Ökobilanz muss stimmen. Wenn mineralische Baustoffe mehr als 200 km befördert werden, ist die Klimabilanz regelmäßig negativ.

Zudem muss man sich klar machen, dass Kreislaufwirtschaft im Bauwesen schon aus Gründen der zur Verfügung stehenden Mengen nicht zur Regel werden kann. Metalle werden bereits zu über 90 Prozent recycelt. Ähnliches gilt für mineralische Baustoffe (auch wenn oft ein Down-­Recycling stattfindet). In Deutschland werden jährlich rund 20.000 Wohneinheiten abgerissen. Mit dem daraus zu gewinnenden Material können keine 300.000 neue Wohnungen gebaut werden. Daher dürfte der Anteil der benötigten Materialien im Baubereich absehbar allenfalls zu 15 Prozent durch alte Materialien gedeckt werden können. Daher macht es auch keinen Sinn, eine bestimmte Recyclingquote festzuschreiben, weil dies nur zu einer Verknappung und damit Verteuerung dieser Materialien führt.

3. Wichtiger ist: Das so genannte Öko-Design von (Bau-) Produkten wird künftig durch europäische Rechtsakte neu geregelt. Dabei spielen Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Recycelfähigkeit eine wesentliche Rolle. Es wird einen digitalen Produktpass geben. Zu bedenken ist aber, dass eine lange Nutzungsdauer von Produkten diese dem Markt entzieht und damit die Zirkularität zeitlich einschränkt.

Kreislaufwirtschaft im BauwesenHelmut Schuller
CEO und Gründer von SCHULLER & Company

Bildquelle: SCHULLER & Company

1. Zertifikate über die verbauten Materialien sind der Schlüssel für eine Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Wenn man bei Stahlträgern weiß, woher sie kommen, wo sie eingesetzt wurden und die Informationen über die Belastungen hat, dann können sie entsprechend den Eigenschaften verkauft und woanders eingesetzt werden. Ohne diese Informationen kann der Stahl nur eingeschmolzen werden. Unternehmen müssen sich bewusst sein, dass die Teile eines Gebäudes, von der Klimaanlage bis zum Feuerlöscher, einen Wert haben. Die Dokumentation und der Zugang zu diesen Informationen sind die Voraussetzung, um verwertbare Teile zu nutzen und eine Circular Economy zu ermöglichen.

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2. Die Grundlage bildet das Zertifikat, das Auskunft über die Teile gibt, welche weiter nutzbar sind und welche nicht. Mit dieser Informationstransparenz können wir Materialien wie Stahl und Beton effizient verkaufen. Unsere Softwarelösung SC Center ist eine Plattform, die diese Zertifikate und Informationen sammelt und verwaltet. Damit können wir erkennen, welche Materialien in einem Bauwerk verkaufbar sind und den jeweiligen Preis / Wert bestimmen. Ein so genannter digitaler Zwilling ist besonders bei Bauwerken wie Stahlhallen sinnvoll, da es um die optimale Nutzung von Ressourcen und finanzielle Effizienz geht.

3. Da die Dokumentation die Voraussetzung für die Kreislaufwirtschaft ist, verfolgt die Ökodesign-Verordnung im Rahmen des Europäischen Green Deals die Transparenz produktbezogener Informationen entlang eines Produktlebenszyklus. Mit der Blockchain-Technologie können Zertifikate fälschungssicher erstellt werden. Damit kann ein Stahlträger nicht gefälscht werden, was wichtig ist, um beispielsweise radioaktive Belastungen auszuschließen.

Kein Business as usual beim Thema Kreislaufwirtschaft im Bauwesen

Dr.-Ing. Matthias Heinrich
Standortleiter EPEA München

Bildquelle: EPEA München

1. In der Planung und Konzeption von neuen Gebäuden gilt es, frühzeitig Themen wie Lebenszyklusbetrachtungen, Einsatz von ökologisch unbedenklichen und kreislauffähigen Baustoffen, Trennbarkeit von Bauteilen und Schichten, Modulares Bauen sowie Dokumentation und Controlling in Planungsprozesse zu integrieren. Hierbei braucht es Instrumente wie Circularity Passports, Öko­bilanzierung und weitere Werkzeuge, die planungsbegleitend einzusetzen sind und bei Fertigstellung einen transparenten Nachweis liefern könnten.

Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir mit dem Bestand umgehen. Welche Gebäudeteile und Bauteile können wir erhalten? Welche Baustoffe und Bauteile können wir im Sinne eines Urban Mining weiternutzen? Unser Wirtschaftssystem ist diesbezüglich noch nicht richtig aufgestellt. Es geht um einen Systemwandel, an dem alle am Bau beteiligten Akteure, die Politik miteingeschlossen, einen Beitrag leisten. Hier spielt der selektive Rückbau eine Rolle, Rücknahmesysteme von Herstellern, die Entwicklung neuer Technologien und digitalen Werkzeugen, um nur einige Beispiele zu nennen. Business as usual ist fehl am Platz.

2. Ohne Digitalisierung wird eine Wende nicht funktionieren. Materialausweise und regionale ­Materialkataster müssen Standard-Planungs- und Dokumentationstools werden. Wir benötigen Baustoffbörsen und Rücknahmesysteme durch Hersteller, die nur durch digitalisierte Prozesse effizient funktionieren. Aber das ist nur der Anfang.

3. Dies sind Riesenstellschrauben. Es gilt, bestehende Regularien zu vereinfachen und anzupassen, wie Abfallrecht. Zertifizierungssysteme, die Aspekte der Circular Economy betrachten, haben gezeigt, wie sich bestehende Standards heben lassen.

Kreislaufwirtschaft im BauwesenProf. Dr.-Ing. Anna Kühlen 
Consultant Rückbau & Bauwerkssanierung bei Arcadis Germany und Spezialistin für ­zirkuläres Bauen

Bildquelle: Arcadis Germany

1. Um die Kreislaufführung in der Baubranche zu beschleunigen, sind im Gebäudebestand und Neubau Maßnahmen notwendig. Im Bestand sollten eine systematische Schadstofferkundung und der selektive Rückbau zur sicheren Entfernung und Wiederverwendung von Materialien vorgeschrieben werden. Investitionen in Wiederaufbereitungstechnologien und die Schaffung von Bauteil-/Materialbanken können die Materialwiederverwendung vorantreiben. Regulierung und Zertifizierung garantieren Qualität und Sicherheit wiederverwendeter Materialien und fördern nachhaltige Geschäftsmodelle. Im Neubau ist die Beratung für rückbau- und recyclingfreundliche Baustoffe und -konstruktionen zentral. Darüber hinaus sind Schulungen und die Sensibilisierung für Fachkräfte zur nachhaltigen und zirkulären Materialnutzung entscheidend, um die Umsetzung dieser Maßnahmen zu unterstützen.

2. Die Prozesse können durch KI-gestützte Tools verbessert werden. Die ­Weiterentwicklung von BIM und digitalen Plattformen unterstützt ein lebenszyklusorientiertes Management. Automatisierung und KI-Optimierung von Vorfertigungsverfahren und modularen Bauweisen können ­ressourcenschonendes Bauen zum Standard machen.

3. Das KrWG und die EU-Abfallrahmenrichtlinie fördern die Kreislaufwirtschaft durch öffentliche Regularien und Anreize für Abfallvermeidung, ­Recyclingquoten, Umweltstandards und Produktverantwortung. In Zukunft ist das Ende der Abfalleigenschaft noch klar zu definieren. Fördermittel können Bauprojekte ­unterstützen, die zirkuläre Praktiken anwenden. Bewertungssysteme wie BNB oder der DGNB-Zirkularitätsindex schaffen Anreize für ressourcenschonendes und rückbaufreundliches Design, den Einsatz recycelter Materialien und Abfallreduktion.

Fragen an die Experten:

  • In der Baubranche etablieren sich Rohstoff-, Energie- und Nutzungskreisläufe, die über reines Recycling hinausgehen, noch viel zu langsam. Dabei bietet eine sozial und ökologisch konsequent aufgebaute Circular Economy doch die Chance, echte Geschäftsmodelle zu entwickeln und damit Geld zu verdienen. Welche konkreten Maßnahmen könnten dazu beitragen?

  • Wie lassen sich diese Prozesse so digitalisieren, dass klimazielkonformes und ressourcen-­schonendes Bauen zum Standard werden (etwa Plattformen für gebrauchte Baustoffe usw.)?

  • Welche öffentlichen Regularien schieben die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen an? Wie können Fördermittel oder Zertifizierungs- und Bewertungssysteme die Umweltleistung von Bauprojekten ­verbessern (Beispiel BNB, DGNB-Zirkularitätsindex usw.)?

Nachhaltigkeit ist die Grundlage

Kreislaufwirtschaft im BauwesenUwe Horstmann
Inhaber Haus der Nachhaltigkeit Ing.-Büro

Bildquelle: Haus der Nachhaltigkeit Ing.-Büro

1. Es muss in die Köpfe der Unternehmen, dass Nachhaltigkeit in den Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales und die damit verbundenen Projekte, wie zum Beispiel die Entwicklung von Geschäftsmodellen in der Circular Economy, die einzige Grundlage für gute zukünftige Möglichkeiten ist. Start-ups ­wissen das schon heute!

Die Transformation zur Nachhaltigkeit braucht ein gemeinsames Mindset. Das erreicht man, wenn es von den Lenkern der Organisationen gewollt ist. Nachhaltigkeit darf nicht in Stabsstellen abgeschoben werden, sondern gehört in die zentrale Unternehmensstrategie.

2. BIM bietet eine hervorragende Grundlage, wird heute jedoch oft nur für Planung, Bau und Betrieb genutzt. Der Rückbau und die Wiederverwendung von Bauteilen und Baustoffen bieten große Chancen. Schon heute gibt es Plattformen für gebrauchte Baustoffe. Wichtig dabei ist die Transparenz der zeitlichen Verfügbarkeit im Sinne des Urban-Mining und die ­Gewährleistung. Gebrauchte Baustoffe dürfen nicht teurer als neue sein und gebrauchte Bauteile benötigen ein verbessertes Image. Wer heute gebrauchte Bauteile einsetzt sollte bewundert und nicht bemitleidet werden.

3. Die Bewertung von Bauwerken in Bezug auf Ihre Nachhaltigkeit ist schon heute wirksam. Ein Geschäftshaus mit einer DGNB-Zertifizierung hat im Durchschnitt eine Wertsteigerung um 12,5 Prozent. Die Berücksichtigung der Kreislaufwirtschaft ist Bestandteil der Bewertungskriterien. Fördermittel spielen eine große Rolle. Aktuell ist zum Beispiel das QNG (Qualitätssiegel Nachhaltige Gebäude) eine Voraussetzung für bessere Förderbedingungen. Es ist davon auszugehen, dass es in der Zukunft nur noch Fördermittel gibt, die Nachhaltigkeit als wesentlichen Bestandteil haben.

Kreislaufwirtschaft im BauwesenLewin Fricke
Leitung Öffentlichkeitsarbeit, TRIQBRIQ AG

Bildquelle: TRIQBRIQ AG

1. Wir brauchen mehr zirkuläre Geschäftsmodelle. Das bedeutet, dass wir auch mehr Unternehmer brauchen, die neue und kreislaufgerechte Angebote machen. Kreislaufgerecht bedeutet in dem Kontext im besten Fall den direkten Re-Use ökologisch sinnvoller Materialien und Bauteile. Lösungsanbieter wie Polycare, TRIQBRIQ oder Lindner sowie Dienstleister wie Concular agieren aktuell noch zu isoliert. Es braucht in allen Bereichen der jeweiligen Wertschöpfungspunkte eines Gebäudes zirkuläre Angebote, die den Kunden mittels niedrigschwelliger Plattformen ökonomisch sinnvoll präsentiert werden: ein Netflix-Moment für die Baubranche quasi.

2. Concular bietet hier schon gute Lösungen. Madaster wäre ein weiteres gutes Beispiel. Ziel muss es sein, diese Lösungen ganzheitlicher möglich zu machen. Von Seiten der Produkthersteller braucht es dazu mehr digitale Transparenz. EPDs sind hier ein zentrales Element, um umweltrelevante Eigenschaften eines Bauprodukts aufzuzeigen. Diese Daten müssen vollumfänglich zur Verfügung stehen und in ganzheitliche Plattformen eingebettet werden.

3. Würde das Kreislaufwirtschaftsgesetz konsequent umgesetzt werden – insbesondere die Teile, die die öffentliche Beschaffung tangieren – wäre schon viel gewonnen. CO2-Schattenpreise in der Beschaffung, so wie im Klimafolgenanpassungsgesetz Baden-Württembergs vorgesehen, sind ebenfalls sinnvoll und sollten umfangreicher zur Pflicht werden. Losgelöst von diesen Beispielen sollten externe Kosten grundlegend nach dem Verursacherprinzip umgelegt werden, ohne dabei soziale Komponenten mit Blick auf Preisentwicklungen außen vor zu lassen. Kreislaufwirtschaft reduziert diese externen Kosten drastisch und würde in der Konsequenz solcher Maßnahmen deutlich schneller zur Anwendung kommen.

Kreislaufwirtschaft im Bauwesen: Chancen und Herausforderungen

Kreislaufwirtschaft im Bauwesen
Emanuel Chibesakunda

Partner und Experte für ­Kreislaufwirtschaft im Bereich  Nachhaltigkeitsberatung bei PwC Deutschland in München

Bildquelle: PwC Deutschland

1. Circular-Economy-Konzepte bieten enorme Chancen. Aktuell tut sich die Branche jedoch schwer, neue Wege einzuschlagen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass es zu den einzelnen Verwertungsschienen noch zu wenige Fallbeispiele gibt. Viele Unternehmen stehen aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage unter enormem Kostendruck und gehen nur ungern Wagnisse ein. Weiterhin funktioniert eine Circular Economy nur in einem gemeinsamen Netzwerk. Es entstehen Befürchtungen, eigenes Know-how preiszugeben und Wettbewerbsvorteile zu verlieren. Es bedarf also Vorreiter in der Branche, die mit gutem Beispiel vorangehen.

2. Wichtigstes Element auf dem Weg dorthin bildet der Gebäude-Ressourcenpass. Was für den Bestand im Nachgang erstellt werden kann, wird künftig bei Neubauten in der frühen Planungsphase schon mitberücksichtigt. Der Aspekt „Klimawirkung“ einzelner Komponenten hält damit Einzug in die Modellierung von Gebäuden und Infrastruktur. Bauteile mit einem hohen Anteil grauer Energie sind somit in besonderem Maße würdig, im stetigen Kreislauf geführt zu werden. Entsprechende Datenbanken erleichtern die Erhebung von Treibhausgasbilanzen und die Ableitung möglicher Reduktionspfade.

3. Auf EU-Ebene bildet die CSRD ein Rahmenwerk, um auf verschiedenen Ebenen eine Transformation auszulösen. Dabei soll neben der eigentlichen Offenlegung diverser Daten ein nachhaltiger Umschwung katalysiert werden. Auf Bundesebene regelt die im August 2023 in Kraft getretene Ersatzbaustoffverordnung die Anwendung und das Inverkehrbringen von Recycling-Baustoffen. Einzelne Bundesländer haben schon Förderprogramme aufgelegt, die es ermöglichen, Pilotprojekte zu initiieren. Hier spielt Transparenz in Form von Eco-Labels eine große Rolle, um die Umweltwirkung kenntlich zu machen.

Tim Bierlein 
Mitbegründer entsorgo GmbH, Berlin

Bildquelle: entsorgo GmbH

1. Aktuell spielt die Entsorgung bei der Produktplanung meist nur eine untergeordnete Rolle, was eine hochwertige Nutzung der Abfälle erschwert. Stattdessen müssten Bauprodukte so konzipiert werden, dass eine einfache Verwertung am Ende der Nutzungsdauer möglich ist ­(Design for Recycling). Nur so lassen sich Rohstoffe effektiv im Kreislauf halten.

Zugleich müssen wir entsorgte Abfälle besser verwerten, was durch die Etablierung von Rückführungssystemen erreicht werden kann. Indem Hersteller Verschnittreste und Produktabfälle zurück in ihr Werk führen und vor Ort verwerten, können sie direkt für die Neuproduktion verwendet werden. Genau hier setzen wir mit entsorgoPRO an und entwickeln gemeinsam mit Herstellern deutschlandweite Rückführungssysteme, die wir über unsere Plattform abwickeln können.

2. Über Plattformen, die den Austausch zwischen verschiedenen Marktteilnehmern ermöglichen, können Stoffströme besser genutzt werden, indem die Abfälle des einen als Rohstoff für den anderen dienen. Bestehende Plattformen gilt es auszubauen und nutzerfreundlich zu gestalten, damit die Nutzung von Sekundärstoffen eine einfache und sichere Option wird.

3. Nachhaltiges Bauen zahlt sich auf lange Sicht nicht nur ökologisch aus, sondern unter anderem dank der Energieeffizienz auch ökonomisch. Nichtsdestoweniger ­sehen sich Bauherren zu Beginn mit höheren Investitionskosten konfrontiert, was für Zurückhaltung sorgt. Gezielte Fördermittel könnten diese Barriere senken und die Umweltleistung von Bauprojekten verbessern. Die Zertifizierung eines Bauprojekts kann darüber hinaus Sicherheit für alle Beteiligten schaffen, indem sie widerspiegelt, welche ökologischen Kriterien erfüllt wurden.