Wie wird das Bauen gleichermaßen robust und nachhaltig? Welche Daten sind für eine Lebenszyklusbewertung nötig und welche Grundlagen müssen in der Planungsarbeit gelegt werden? Diesen Fragen widmete sich der Fachausschuss Consulting der Hafentechnischen Gesellschaft e.V. (HTG) in seiner Fachtagung im April in Hamburg. Übergreifend sind sich die Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Planung einig, dass der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen eine entscheidende Rolle zukommt.
(Bild: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV.de))
Nur mit einer wirklich gelebten und gewollten Kreislaufwirtschaft wird es gelingen, die ressourcenintensiven Bauvorhaben im Wasserbau und der Infrastruktur allgemein, nachhaltig und robust umzusetzen.
Robert Howe, Vorstandsvorsitzender HTG
(Bild: Rogge PR)
Bauwerke sind für jede Nachhaltigkeitsbetrachtung ein wichtiger Bereich, weil sie einerseits in der Regel eine lange Nutzungsdauer haben und andererseits in Errichtung und Betrieb viel Energie und Rohstoffe verbrauchen. Gerade wegen der langen Nutzungsdauer vieler Bauwerke ist es wichtig, den gesamten Lebenszyklus zu betrachten, um die Nachhaltigkeit zu bewerten. Im Fachausschuss Consulting der HTG treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Ingenieurbüros, aus Häfen und Hochschulen. Dank dieser Zusammensetzung trägt der Ausschuss mit komplexen Lösungsansätzen zur fachlichen Diskussion bei.
In der Debatte um nachhaltiges Bauen, da sind sich die Fachleute einig, muss es um mehr gehen als die CO2-Emissionen zu reduzieren oder ganz zu vermeiden. Ressourcen zu schonen oder die Kreislaufwirtschaft zu stärken sind ebenfalls bedeutende Kategorien in der Nachhaltigkeitsbetrachtung. Die Nachhaltigkeitsbewertung von Infrastrukturbauwerken ist in der DIN EN 17422 beschrieben.
Wenn es gelingt, Nachhaltigkeit als auch wirtschaftlichen Erfolgsfaktor (KPI) im Bauwesen zu etablieren, wenn die verschiedenen Faktoren priorisiert werden können, ist es möglich, die Nachhaltigkeit zu berechnen. In diese Berechnung müssen dann neben Planung, Bau und Betrieb auch Rückbau und Recycling als Lebensphasen eines Bauwerkes einfließen. Der Lebenszyklus von Bauwerken ist sehr unterschiedlich. Ein Terminal wird meist für 40 Jahre geplant, bei Bauwerken zum Hochwasserschutz sind 100 Jahre nicht ungewöhnlich.
Als neues Wertungskriterium kann auch die Lebensdauer der im Bau verwendeten Geräte gesehen werden. Wenn die Datenbasis zu Energieverbrauch, Leistung und Lebensdauer hier vorliegt, kann auch diese Bilanz bereits mit in Ausschreibungen einfließen.
Neubau der Columbuskaje in Bremerhaven.
(Bild: bremenports Luftfoto Scheer)
Sylvia Keßler ist Professorin für Konstruktionswerkstoffe und Bauwerkserhaltung an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Sie sieht eine große Aufgabe für die Forschung in der Datenerhebung zum Lebenszyklus, speziell von Betonbauwerken. Erst mit einer aussagekräftigen Datenbasis wird klar, welche Informationen überhaupt relevant und wie die Bauwerke zu bilanzieren sind. Dass Bauen energie- und rohstoffintensiv ist, wird eine Tatsache bleiben, ebenso, dass eine erhebliche Menge Abfall entsteht. Hier sind allerdings auch große Potenziale zu erkennen, wie mit Kreislaufwirtschaft Verbesserungen erzielt werden können.
Das Thema Nachhaltigkeit im Bau bietet gleichzeitig viele Ansätze für Greenwashing; dies sollten die Fachleute erkennen und vermeiden, damit die Diskussion auf Basis belastbarer Fakten geführt werden kann. Vielfach wird der Werkstoff Beton als Ursache der hohen Emissionen genannt. Im Vergleich mit anderen Materialien wie etwa Asphalt, Stahl und vor allem Plastik, ist Beton jedoch sowohl hinsichtlich des enthaltenen Kohlendioxids als auch der benötigten Energie bei der Herstellung durchaus als nachhaltig zu bezeichnen. Problematisch ist eher die riesengroße Menge Beton, die insgesamt weltweit verbaut wird und für die es keine realistische Alternative gibt.
Deutscher Ausschuss für Stahlbeton strebt klimaneutralen Betoneinsatz bis 2045 an
Der Deutsche Ausschuss für Stahlbeton e.V. beispielsweise hat das Ziel, bis 2045 klimaneutral mit Beton zu bauen. Dr. Ronny Glaser von der INROS Lackner Gruppe, einem Generalplanungsunternehmen, sieht einen Mangel an Transparenz bei den Betriebs- und Rückbaukosten von Bauwerken. Will ein Planer beim Material sparen, muss er alle verfügbaren Varianten kennen und die Einflussgrößen auf das Bauvorhaben berücksichtigen. Er sieht in der Zukunft den Bedarf an Lösungen, „wo man als Ingenieur auch mal wieder nachdenken darf.“ Solange Ingenieursstunden teurer sind als Beton und solange Planer nach Materialeinsatz abrechnen, wird sich die Ressourcenschonung als Wert nur schwer monetarisieren lassen. Insgesamt müssen sich alle Akteure im Bauwesen mit der Ökobilanzierung befassen. Die Frage ist, wie umfassend diese ausfällt und ob es gelingt, alle relevanten Größen einzubeziehen. Die EU-Taxonomie bietet eine Grundlage, auf der Wirtschaftsaktivitäten in Bezug auf Umweltziele bewertet werden können.
Kreislaufwirtschaft Bauwesen: Planer müssen viel wissen
Nachhaltige Lösungen schon im Planungsalltag umzusetzen, erfordert vom Planenden eine starke Motivation für das Thema. Es gilt, sich mit neuen Normen und Gesetzen zu beschäftigen und die Methoden der Ökobilanzierung ebenso zu kennen wie die Werkzeuge, mit denen die Lebenszykluskosten von Bauwerken berechnet werden. Darüber hinaus sind werkstoffübergreifende Kenntnisse in Bezug auf Herstellverfahren, Lieferketten und Recyclingfähigkeit von Materialien gefragt.
Während früher die Materialkosten oft der ausschlaggebende Faktor für den Endpreis eines Bauwerks waren, sind dies aktuell in der Regel die Personalkosten. Entsprechend wird so gebaut, dass die Lohnkosten möglichst gering bleiben; dafür wird unter Umständen ein höherer Materialeinsatz in Kauf genommen. Künftig dürfte der Trend aber wieder zurück zu einer materialsparenden Bauweise gehen, die stärker die Auswirkungen auf die Umwelt berücksichtigt.
Stand: 16.12.2025
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60 Prozent der Schleusen in Deutschland sind vor 1940 gebaut worden. Der Fokus liegt klar auf dem Erhalt vor dem Neubau.
(Bild: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV.de))
Kreislaufwirtschaft Bauwesen: Erhalt statt Neubau
Der Fokus bei den oft schon sehr alten Bauwerken (60 Prozent der Schleusen in Deutschland sind vor 1940 gebaut worden) liegt klar auf dem Erhalten vor dem Erneuern. Insgesamt ist zu beobachten, dass neue Bauwerke schneller anfällig für Schäden sind als ältere. Zu dieser Erkenntnis kommt Klaus Michels vom Bundesamt für Wasserbau. Zum Erhalt der deutschlandweit insgesamt 350 Schleusenbauwerke müssten pro Jahr vier Kammern instandgesetzt oder neu gebaut werden. Tatsächlich sind es derzeit 0,8; dadurch öffnet sich die Schere immer weiter. Gerade im Bereich der Schleusen gibt es schon gute Beispiele, wie gute Planung zum Erfolg führt. Es gibt verschiedene Bauweisen, die Material einsparen. Als Beispiel sind Kassettendecken zu nennen. Mit Hilfe unterirdischer Regenwassertanks kann Beton eingespart werden. Die effektivsten Maßnahmen werden offenbar, wenn die gesamte Herstellkette betrachtet wird. Dann ist es möglich, die Nachhaltigkeitsziele projektspezifisch zu definieren. Wenn diesen Zielen ein Wert hinterlegt wird und sie damit ein wirtschaftlicher Faktor werden, amortisieren sich auch die Mehrkosten, sowohl qualitativ als auch quantitativ.
Experten fordern verstärktes Engagement für Kreislaufwirtschaft im Wasserbau und Infrastruktursektor
Die Experten der unterschiedlichen Disziplinen sind sich einig: nur mit einer wirklich gelebten und gewollten Kreislaufwirtschaft wird es gelingen, die ressourcenintensiven Bauvorhaben im Wasserbau und der Infrastruktur allgemein, nachhaltig und robust umzusetzen.
Die abschließende Podiumsdiskussion der Fachtagung machte noch einmal die Dringlichkeit deutlich, denn dass die Menschheit bei Nachhaltigkeit und Klimaschutz keine Zeit zu verlieren hat, ist unbestritten. Entsprechend gilt es, hier waren sich die Panel-Teilnehmer einig, sich selbstkritisch und offen mit den Hemmnissen zu beschäftigen, die nachhaltigem Handeln im Weg stehen. Dafür braucht es Mut und gegenseitiges Verständnis aller Beteiligten. Zur konstruktiven, offenen Auseinandersetzung lädt das Fachforum Nachhaltigkeit in der HTG ein, das ausdrücklich für neue Fragestellungen steht. Das Fazit von Robert Howe, Vorstandsvorsitzender der HTG ist selbstkritisch und optimistisch zugleich: „Wir sind ganz klar nicht schnell genug gewesen, aber wenn wir alle unsere Hausaufgaben machen, können wir künftig schnell genug sein.“