Der Klimawandel zwingt Deutschland zu einem neuen Umgang mit Wasser. Industrie, Städte und private Haushalte müssen den Verbrauch senken und Wasser mehrfach nutzen. Beispiele aus Dortmund, Potsdam und Berlin zeigen, wie ein zukunftsfähiger Umgang mit Regen und Abwasser gelingt.
Der Schein trügt: Obwohl die Bäume auf dem Telegrafenberg in Potsdam in sattem Grün erstrahlen, ist der Bestand infolge von Hitze, Trockenheit und Wassermangel bereits zu 78 Prozent geschädigt. Ein Landschaftskonzept soll den Campus klimaresilient, biodivers und nachhaltig gestalten.
(Bild: Sandra Escher)
Spätsommer 2025: Der Rhein führt historisch wenig Wasser, Schiffe liegen fest, Lieferketten reißen, die Strom- und Chemieproduktion geraten unter Druck. Ernten fallen aus, Wälder brennen und Versicherer warnen vor unkalkulierbaren Risiken. Was sich regional zeigt, hat eine gemeinsame Ursache: Böden und Städte können Wasser immer schlechter aufnehmen und speichern. Versiegelte Flächen lassen Regen ungehindert ablaufen, statt ihn zu halten; ausgetrocknete Böden nehmen kaum noch Wasser auf, wenn es nach langen Trockenphasen endlich regnet.
„Das ist ein paradoxes Problem, das zu einem schleichenden Ungleichgewicht und sinkenden Grundwasserpegeln führt“, sagt Umwelttechniker Wasielewski, der an der Universität Stuttgart promovierte und seit mehr als einem Jahrzehnt Abwassertechnik, Wasserwiederverwendung und strategisches Wassermanagement erforscht und gestaltet. „Der Niederschlag fehlt und wenn er fällt, gelangt er nicht ins Grundwasser und richtet in Teilen sogar verheerende Schäden an – ein Teufelskreis aus Wassermangel und Überschwemmungsrisiko. Ganze Regionen verlieren so ihre Speicherfähigkeit, und Grundwasservorräte erholen sich nach Dürrejahren kaum noch.“
Wenn der Verbrauch von Wasser die Natur überholt
Weltweit entnehmen Staaten und Wirtschaft derzeit mehr Wasser aus Böden, Flüssen und Reservoirs, als natürliche Systeme nachliefern können. Die Vereinten Nationen sprechen deswegen von einer drohenden „globalen Wasserüberschuldung“. Deutschland ist längst Teil dieser Entwicklung. Allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das Land laut einer aktuellen Studie von Boston Consulting Group und dem NABU Deutschland 60 Milliarden Kubikmeter Wasser mehr verloren, als nachfließt – ein Defizit, das dem gesamten Volumen des Bodensees entspricht. Ohne konsequentes Handeln bis 2050 werden so Schäden in Höhe von bis zu 625 Milliarden Euro entstehen.
Wie öffentliche Hand und Industrie dem wachsenden Wasserstress am besten begegnen, genau damit beschäftigt sich Stephan Wasielewski. Seit Jahren arbeitet er an Lösungen für die öffentliche Hand und Industrie und hat beispielsweise den Masterplan Wasserversorgung des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg mitbegleitet. Dessen Ziel: die Versorgung von 11,1 Millionen Menschen auf einer Fläche von rund 3,57 Millionen Hektar dauerhaft zu sichern. Der Plan umfasst eine Wassermengenbilanz bis 2050, kommunenscharfe Versorgungskarten, eine systematische Bewertung der Versorgungssicherheit sowie maßgeschneiderte Handlungsempfehlungen für Städte und Gemeinden. Damit entsteht erstmals ein umfassendes Bild über die künftige baden-württembergische Wasserversorgung.
Industrie: Wenn Produktion am Wasser hängt
Solche Planungsinstrumente wie der Masterplan auf Landesebene sind für die Kommunen und die Sicherstellung ihrer Wasserversorgung elementar – auch deshalb, weil die Ansiedlung und der Bestand von Industrie und damit Arbeitsplätzen in besonderem Maß von verlässlicher Wasserverfügbarkeit abhängen. Chemie‑ und Pharmaunternehmen, Rechenzentren, die Lebensmittelindustrie oder die Halbleiterfertigung – sie alle benötigen große Mengen Prozesswasser, vor allem für Kühlung und Reinigung. Das verarbeitende Gewerbe ist für etwa 16 bis 20 Prozent des jährlichen Wasserverbrauchs in Deutschland verantwortlich, mehr als die Hälfte davon entfällt auf die Chemieindustrie. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Die EU‑Kommunalwasserrichtlinie verpflichtet große Kläranlagen dazu, bis 2045 eine vierte Reinigungsstufe einzuführen. Mikroschadstoffe wie PFAS, Arzneimittelrückstände oder Mikroplastik sollen künftig zuverlässig entfernt werden.
Abwasser wird zur Ressource
Wasielewski sieht darin jedoch keineswegs nur eine Belastung, sondern eine Chance, industrielles Wassermanagement grundlegend neu aufzusetzen. „Abwasser und Regenwasser sind Ressourcen“, sagt er. „Und zwar in Mengen, die wir bisher kaum nutzen.“ Moderne Technologien wie Membranfiltration, biologische Behandlung und digitale Steuerungssysteme ermöglichen es Unternehmen mittlerweile, kommunales Abwasser zu Brauch- oder sogar Reinstwasser aufzubereiten.„Industrielle Wasserkreisläufe schaffen eine Win-Win-Situation. Sie sichern den Betrieb und entlasten die Umwelt“, erklärt Wasielewski. „Insgesamt müssen wir diese Kreisläufe flächendeckend etablieren. Solange wir Wasser verbrauchen oder ableiten, statt es so lange wie möglich zurückzuhalten und mehrfach zu gebrauchen, wird es uns nicht gelingen, gegen den drohenden Wassermangel anzugehen. Ein Gebäude zum Beispiel, das statt schmutzigem Abwasser sauberes Betriebswasser produziert, ist die Richtung, in die wir denken müssen.“
Schwammstädte: Wie Kommunen Wasser halten, statt es zu verlieren
In Wasserfragen umdenken müssen auch die meisten Städte und Kommunen. „Wir dürfen uns in Deutschland vom scheinbar guten Wasserangebot nicht täuschen lassen“, sagt Ramona Jones, Wasser- und Klimaexpertin bei Drees & Sommer. Sie begleitet Projekte, die zeigen, wie Städte Wasser zurückgewinnen können. „Es ist wichtig, jetzt klimaangepasste und wassersensible Konzepte in unseren urbanen Räumen umzusetzen, bevor der Druck überall groß wird.“ Kommunen prägen den Umgang mit Regenwasser im Alltag – und damit die Widerstandsfähigkeit ganzer Regionen. Sie müssen Wasser im Stadtraum halten und es erleb- und nutzbar machen, statt es wie bisher schnell abzuleiten.
Stand: 16.12.2025
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Wie das gelingen kann, zeigt das von Drees & Sommer begleitete Projekt Phoenixsee in Dortmund: Als künstlich angelegter Rückhalteraum schützt er vor Hochwasser und zeigt zugleich, wie sich eine ehemalige Industriebrache in eine multifunktionale Wasser‑ und Lebensqualitätsfläche umwandeln lässt. Es muss das Schwammstadt‑Prinzip gelten: eine Stadt, die Wasser wie ein Schwamm aufnimmt, speichert und bei Bedarf wieder abgibt – statt es möglichst schnell abzuleiten.
Wasserstand Telegrafenberg: Grüne Lunge am Limit
Ein weiteres Beispiel ist der Telegrafenberg in Potsdam. Dort entwickelte Drees & Sommer 2025 im Auftrag des GFZ Helmholtz-Zentrums ein Landschaftskonzept, das den Wasserhaushalt des traditionsreichen Campus stabilisieren soll. Das Gelände ist grüne Lunge, Kaltluftschneise und wichtiger Versickerungsraum. Viele der Bäume sind über hundert Jahre alt. Doch Klimawandel und Trockenstress setzen ihnen massiv zu: Untersuchungen zeigen, dass rund 78 Prozent des Bestands geschädigt sind. Die sandigen Böden halten kaum Wasser, lange Trockenphasen wechseln mit kurzen, heftigen Starkregen. „Entweder wird das Wasser schnell abgeleitet – oder, wenn es sich halten kann, dann versickert es sehr stark. So oder so kann es den Bäumen nicht zur Verfügung gestellt werden“, sagt Jones.
Das Projektteam analysierte Böden, historische Strukturen und Vegetation. Derzeit fließt der Niederschlag unterirdisch in eine zentrale Mulde – weit entfernt von Bereichen, die dringend Wasser brauchen. „Also ist die Frage: Wie kann man das Wasser wieder herausholen und nutzbar machen? Etwa indem man es dezentral auf mehrere Mulden verteilt und dann den Bäumen zuführt“, erklärt Jones. Digitale Modelle zeigen, wie Wasser im Gelände fließt und wo sich neue Speicher- und Versickerungsflächen eignen. Parallel prüften die Experten, wie sich der Standort naturverjüngen lässt – mit tiefwurzelnden, trockenheits- und feuerresistenten Arten, die den Baumbestand langfristig stabilisieren. „Im Prinzip versucht man, den natürlichen Wasserhaushalt, wie man ihn draußen hat, über Grünflächen wieder in die Stadt hineinzuholen. Das hat dann noch viele positive Nebeneffekte, Mikro-Klimaverbesserungen zum Beispiel, oder Verbesserungen der Biodiversität“, so die Klima- und Wasserexpertin.
Wie Berliner Schulhöfe zu Wasserspeichern werden
Wie sich auch dicht bebaute Stadtteile anpassen können, zeigt Berlin-Lichtenberg. Dort wurde im Auftrag des Bezirks untersucht, wie 24 Schulen Regenwasser besser nutzen können. Das Problem ist typisch für viele Großstädte: eine überlastete Mischkanalisation, die Starkregen nicht aufnehmen kann. Das Wasser fließt ab, statt im Quartier zu bleiben – mit Folgen für Überflutungen, Hitze und Vegetation. Die Gutachten zeigen, wie Schulhöfe, Dächer und Grünflächen wieder zu Speicher- und Versickerungsräumen werden können. Die Untersuchungen verdeutlichen das große Potenzial – und die strukturellen Hürden. Viele Flächen lassen sich entkoppeln und entsiegeln und so von asphaltierten Schulhöfen in grüne Bereiche verwandeln, die nicht nur Wasser zurückhalten, sondern auch die Aufenthaltsqualität für Schüler:innen und Lehrkräfte deutlich erhöhen.
Genauso wie Städte und Unternehmen sind allerdings auch Privathaushalte in der Pflicht, beispielsweise beim Umgang mit Trinkwasser. „Viele Anwendungen brauchen kein Trinkwasser. Toilettenspülungen, Gartenbewässerung, Reinigungsarbeiten – hier reicht Regen‑ oder Betriebswasser“, sagt Umwelttechniker Stephan Wasielewski. Wer Regentanks nutzt, Flächen entsiegelt und wassersparende Armaturen einbaut, senkt den Verbrauch spürbar. Leckagen früh erkennen, Bewässerung an Bodenfeuchte koppeln, Geräte in Eco-Programmen betreiben. Das sind alles kleine Routinen, aber sie zeigen Wirkung.“ Jeder gesparte Liter entlastet zugleich die Energie- und Gebührenseite. Denn Aufbereitung und Transport von Trinkwasser kosten Strom – und bei knapper werdenden Ressourcen steigen die Kosten weiter. „Wir behandeln Trinkwasser wie ein alltägliches Betriebsmittel“, sagt Wasielewski. „Dabei ist es unser wertvollstes Lebensmittel. Für alle anderen Zwecke müssen wir andere Quellen nutzen.“ Weitere Informationen gibt es hier