BIM2AVA: Das kann die digitale Schnittstelle

Verantwortlicher Redakteur:in: Rainer Trummer 6 min Lesedauer

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Die integrale Planung mit Building Information Modeling (BIM) ist das Markenzeichen von ATP architekten ingenieure. Seit 2012 arbeiten alle Bürostandorte mit der digitalen Planungssoftware. Ebenso lange feilt man daran, den Einsatz noch effektiver und umfassender zu machen. „Bauen aktuell“ sprach mit Ursula Reiner über die Entwicklungsarbeit für BIM2AVA, die digitale Schnittstelle zwischen Planung und Ausschreibung im Aus- und Rohbau.

(Quelle:  ATP, Wien)
(Quelle: ATP, Wien)

Mit der Entwicklungsarbeit für eine digitale Schnittstelle zwischen Planung und Ausschreibung begann ATP vor rund fünf Jahren. Mit diesem Jahr ist „BIM2AVA“ für Aus- und Rohbau unternehmensweit im Einsatz. Es steht für die Zusammenführung von Fachwissen aus Bautechnik, Planung, Ausschreibung und Programmierung sowie für einen neuen Workflow. Architektin und BIM-Managerin Ursula Reiner erklärt, was dieser Schritt für die tägliche Arbeit des integralen Planerteams bedeutet und wie er zustande kam.

Der schmale Grad zwischen Planung und Ausschreibung

Frau Reiner, wie hängen Planung und Ausschreibung zusammen?

Ursula Reiner: BIM und AVA sind eng verbunden. Schon beim Wettbewerb, also in der frühen Planungsphase, müssen die Planer ihre Kosten angeben. Die lassen sich nur abschätzen, wenn die wichtigsten Qualitäten eines Gebäudes definiert sind, beispielsweise bekannt ist, ob es sich um eine Wand mit Natursteinverkleidung oder eine mit Vollwärmeschutz handelt. Daraus ergeben sich unterschiedliche Kostenansätze.

Bei einem Vorentwurf ist vieles noch nicht im Detail festgelegt, aber man muss gewisse Qualitäten unterscheiden: Fassadenflächen, Geschossdecken, Fußbodenaufbauten, Außen- und Innenwände, Fundamente. Sind die Hauptelemente in der richtigen Qualität modelliert, lassen sich die Kosten schon in der frühen Phase plausibilisieren, sozusagen als Basis für‘s spätere Leistungsverzeichniss.

Das BIM-Modell ist also Grundlage für die Ausschreibung?

Reiner: BIM2AVA ist der Zweck, warum wir BIM machen. Also jedem modellierten Element viele Informationen zu hinterlegen, um daraus einen Positionstext für die Ausschreibung zu machen. Denn 3D-Ansichten, Visualisierungen oder Pläne ergeben nur in Kombination ein BIM-Modell.

Was leistet das Entwicklungsprojekt?

Reiner: Mit dem modellbasierten Auswerten von Massen haben wir nichts Neues erfunden. Baufirmen modellieren Projekte auch oft grob nach, um Kalkulationen durchzuführen. Beim Entwicklungsprojekt BIM2-AVA haben wir jedoch die Schnittstelle vom Modell zum Leistungsverzeichnis weiterentwickelt und automatisiert. Da geht’s um die verbale Beschreibung aller Elemente, die zum Errichten dessen erforderlich ist. Aufgrund der zahlreichen Standorte und Projektsparten ist ATP in dieser Entwicklung sehr weit. Früher mussten wir händisch Exceltabellen auslesen, um die Informationen ins Ausschreibungsprogramm zu übertragen. Das geht jetzt automatisch und digital – ein großer Schritt!

Wie BIM2AVA funktioniert

Wie muss man sich das vorstellen?

Reiner: Die digitale Schnittstelle basiert auf einem Knöpfchen, das wir jetzt in BIM drücken: „CPI Export“. In einem anderen Programm gibt es als Pendant den „CPI Import“. Und schon lassen sich alle Modellinfor-mationen eins zu eins übertragen. Allerdings ist das Ganze immer noch auf Plausibilität zu prüfen. Klingt und ist recht einfach, aber damit die Formeln im Hintergrund greifen, mussten wir den gesamten Workflow umdrehen. Vorher setzten wir zunächst Elemente ab und ordneten sie dann dem fertigen Modell zu. Jetzt nehmen wir den Aufbautenkatalog – ein Excel- oder auch handschriftliches Projekt – und transferieren ihn zunächst in die Parameter-Codes, die wir in den Content Sheets festgelegt haben.

Damit sind Sie als BIM-Managerin ja eigentlich Übersetzerin?

Reiner: Kann man so sagen, ja. Die Übersetzung ist wichtig, weil erfahrene Projektleiter mit jungen Modellierern zusammenarbeiten, die sich mit dem Programm zwar sehr gut auskennen, ihnen aber die bautech-nische Erfahrung fehlt.

Als BIM-Managerin schalte ich mich dazwischen und erläutere etwa, welche Benennungssystematik und welche Parameter im Aufbautenkatalog wichtig sind. „Fubo_FLI_0170_Estrich“ ist zum Beispiel die Bezeichnung für einen Fußboden auf Estrich mit Fliesenbelag. Zusätzlich hat jedes Element von uns einen Bauelementschlüssel bekommen, der einer Baukostengliederung entspricht. Mit diesen Informationen können die Modellierer effizient die weiteren Parameter befüllen und die einzelnen Teile in BIM als Musterelemente nachbauen. Quasi ein Baukastensystem, mit dem das Modell aufgebaut werden kann, und aus dem sich dann das Leistungsverzeichnis ableitet.

Steht und fällt dann das Ganze mit dem Befüllen der Parameter?

Reiner: Genau. Für die Codierung macht es nämlich einen Unterschied, ob eine Brandschutzqualifi-kation mit EI30 oder EI-30 angegeben ist, da die hinterlegten Formeln nur nach einem bestimmten Wert suchen. Diese Parameterdefinition war das Spannende und zugleich Mühsame an der Entwicklung. Wir waren ja ein bunt gemischtes Team: Planer und Planerinnen von ATP mit bautechnischem Wissen und Programmierspezialisten von Plandata, die ATP-Tochter für Softwareentwicklung, mit dem Revit-Wissen. Fast ein Jahr lang gingen wir zweimal pro Woche in Meetings Element für Element durch und überlegten uns, wie was zu definieren und später zu programmieren war. Dabei galt es, so genau wie erforderlich und zugleich so allgemein wie möglich zu arbeiten. In der Abstimmung mit allen Fachbereichen und Standorten hier den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ für die Standardelemente zu finden, war wohl die größte Herausforderung.

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Die Vorteile von BIM2AVA

Welche Vorteile bietet BIM2AVA?

Reiner: Zum einen lässt sich schneller ausschreiben, andererseits kann man Abschreibfehler und Doppelbearbeitungen vermeiden. Den größten Benefit sehe ich jedoch in der Umkehrung des Workflows: Überlegen wir uns gemeinsam bereits in der frühen Planungsphase, wie und wann wir was festlegen, sparen wir uns zahlreiche Änderungsschleifen und kommen mit den Änderungen, die dazugehören, viel besser zurecht. Da schließt sich auch der Kreis zum Konzept2BIM – eine ATP-Taskforce, die die Leistungsdefinition in der frühen Planungsphase erarbeitet hat.

Außerdem haben wir durch das Anlegen der Musterelemente bereits jetzt eine umfangreiche digitale Bau-Bibliothek, die laufend erweitert wird, und aus der man sich beim Planen bedienen kann. Mit der Zeit wird BIM2AVA also noch effizienter.

Wie wurden/werden die ATP-Mitarbeiter im Umgang mit BIM2AVA geschult?

Reiner: Für die meisten ist dies mit einem großen Aha-Erlebnis verbunden: Richtig nahegebracht wird den Teams das Thema in der Projektarbeit. Es gibt ein BIM2AVA-Startgespräch, in dem der optimierte Workflow Schritt für Schritt besprochen wird. Außerdem haben wir Projekleiter-Fortbildungen, die insbesondere jene abholt, die nicht täglich mit dem Programm arbeiten. Mein Ziel ist, dass jede/r von ihnen ein BIM-Modell öffnen und mit wenigen Klicks herauslesen kann, wieviel Quadratmeter Fassade geplant sind und welche Qualitäten dies hat – ohne, dass man dazu Modellverantwortliche braucht.

(Ursula Reiner ist Architektin und BIM-Managerin bei ATP in Wien. Foto: Markus Bastia)
(Ursula Reiner ist Architektin und BIM-Managerin bei ATP in Wien. Foto: Markus Bastia)

Neue Schnittstellen zu BIM?

Welche andere Schnittstelle zu BIM würden Sie noch weiterentwickeln?

Reiner: Bestimmt ließe sich das BIM-Modell noch mehr auf der Baustelle einsetzen. Man könnte zum Beispiel bei einer Baustellenbegehung Fotos per Standorterkennung mit dem Modell verknüpfen und so Baufortschritt und gegebenenfalls Mängel dokumentieren (BIM2BAU). Viel zu wenige Baufirmen arbeiten damit aber bislang. Insbesondere was Kosten- und Terminverfolgung angehen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die sich verstärkt nutzen lassen.

Als Planungsbüro schaffen wir die Schritte von der Skizze zum Modell und vom Modell zur Baustelle. Der letzte Schritt ist es, und da sind die Auftraggeber gefragt, das BIM-Modell als Datenpaket für den Gebäudebetrieb und dessen Optimierung zu verwenden. (BIM2FIM).

Welches Fazit ziehen Sie persönlich aus der Projektarbeit?

Reiner: Mir hat die Entwicklung viel Spaß gemacht. Seitdem ich Revit nutze, arbeite ich immer schon gern mit den Bauteillisten. Für mich sind sie der Vorteil schlechthin in diesem Programm. Die Thematik erscheint sehr trocken, aber wenn man das zu planende Gebäude im Hinterkopf behält, wird es richtig spannend. Ich hatte das Gefühl, in der Projektarbeit viel von meinem persönlichen Wissen und meiner Planungserfahrung einbringen zu können. In erster Linie bin ich Architektin und BIM ist für mich das optimale Werkzeug. Mich begeistert, dass ich am Ende einer langen Planungszeit auf der Baustelle beobachten kann, wie „mein“ virtuelles Modell, von dem ich jeden Winkel kenne, Realität wird.

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