Wissenschaftler formulieren 5 Kernforderungen zur Klimapolitik im Gebäudesektor. Demnach soll der Fokus auf Reduktion der Treibhausgase gesetzt werden. Die GdW tritt der Initiative bei, die Wissenschaftler fordern zum Mitmachen auf. Einige Verbände jedoch kritisieren den Ansatz.
(Bild: Phushutter/stock.adobe.com)
Wissenschaftler aus den Bereichen Architektur und Ingenieurwesen haben ein Manifest für die Klimapolitik im Gebäudesektor vorgestellt. Darin kritisieren sie die ihrer Ansicht nach einseitige Fokussierung auf immer höhere Energieeffizienzstandards und fordern einen politischen Richtungswechsel. Die historisch gewachsene, alleinige Fokussierung auf Energieeinsparung im Gebäudesektor sei gescheitert.
Nur ein Paradigmenwechsel im Klimaschutz bei Gebäuden auf einen Praxispfad, der die Reduzierung von Treibhausgasemissionen ins Zentrum unseres Handelns rückt, sei finanzierbar, stelle die Erreichung der Klimaschutzziele sicher und gewährleiste bezahlbares Wohnen, so die Autorinnen und Autoren. Das Manifest ist Gründungsdokument der „Initiative Praxispfad CO2-Reduktion im Gebäudesektor“. Die Initiative soll einen breiten Diskurs in der Öffentlichkeit organisieren helfen. Die Initiatoren fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Akteurinnen und Akteure aus Wirtschaft und Politik dazu auf, der Initiative beizutreten.
Die „Initiative Praxispfad CO2-Reduktion im Gebäudesektor" definiert fünf Kernpunkte für klimapolitisches Handeln. Demnach soll die Wärmeversorgung möglichst schnell auf emissionsfreie Energieträger umgestellt und von kostspieligen Sanierungstiefen der Gebäudehülle (Heizwärmebedarf unter 75 kWh/(m2 a)) Abstand genommen werden. Zwei Drittel aller Mehrfamilienhäuser sind bereits teilsaniert oder wurden nach Einführung der Energieeinspar-Verordnung (EnEV 2002) gebaut. Diese Gebäude sind i.d.R. niedertemperaturfähig und damit für den Einsatz von Wärmepumpen geeignet.
Die oft zu hörende Meinung, dass vor dem Einbau einer Wärmepumpe die Heizkörper ausgetauscht werden müssen oder eine Fußbodenheizung eingebaut werden muss, sei eine Fehleinschätzung wie umgesetzte Beispiele zeigen. Darüber hinaus solle die politische Regulierung stark vereinfacht und auf einen CO2-Emissionsreduktionspfad abgestellt sowie der Erhalt von Bestandsgebäuden gefördert werden.
Wissenschaftler halten derzeitige Klimapolitik im Gebäudesektor für gescheitert
Im Manifest fassen die Wissenschaftler ihre in jahrelanger Forschung erlangten Erkenntnisse zusammen. Sie unterstreichen, dass ein stärkerer Fokus auf CO2-Reduktion – und nicht allein auf Energieeinsparung – das Ziel der Klimaneutralität bei gleichzeitig bezahlbarem Wohnen erreichbar machen kann. „Mit unserem Praxispfad CO2-Reduktion senken wir die im Vergleich zum heutigen Szenario benötigten Fördermittel um fast zwei Drittel, von jährlich 50 auf 18 Milliarden Euro. Damit zeichnen wir ein realistisches Szenario für die Erreichung der Klimaziele im Gebäudesektor, weil mit unserem Weg die knappen Ressourcen im Finanzbereich, aber auch im Bausektor sinnvoller eingesetzt werden“, sagt Prof. Dr.-Ing. Manfred Norbert Fisch, einer der fünf Gründer der Initiative.
„Zudem berücksichtigen wir mit unserem Ansatz auch die Treibhausgasemissionen, die durch den Bau der Bestandsgebäude bereits entstanden sind bzw. jene, die durch Neubau noch entstehen würden“, sagt Prof. Dirk Hebel, Gründer der Initiative. Und Initiativengründer Prof. Dr. Werner Sobek ergänzt: „Wir müssen den CO2-Emissionen einen angemessenen Preis geben. So können wir den Weg zur Erreichung des Klimaziels realistischer planen und sozial gerechter gestalten“.
Die aktuellen Ansätze, die sich auf maximale Energieeffizienz und umfassende Sanierungsmaßnahmen stützten, seien weder finanzierbar noch klimawirksam genug, folgert das Manifest der Wissenschaftler. „Was wir benötigen, ist kein blindes Streben nach höchster Energieeffizienz, sondern eine praxisorientierte Politik, die auf die Senkung der Treibhausgasemissionen abzielt“, sagt Prof. Elisabeth Endres, Gründerin der Initiative. „Wir fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Vertreterinnen und Vertreter aus der Wirtschaft auf, den Diskurs mit uns zu führen und sich dieser Initiative anzuschließen”, ergänzt Prof. Dipl.-Ing. Dietmar Walberg, der ebenso Gründer der Initiative und Erstunterzeichner des Manifestes ist.
Haushaltskrise als Katalysator für notwendige Reformen
Die bisherigen Förderansätze übersteigen die finanzielle Belastungsgrenze des Bundeshaushalts bei weitem, so die Wissenschaftler. Sie rufen insbesondere die Entscheidungsträger in der Politik dazu auf, die Klimapolitik für den Gebäudesektor von Grund auf zu überdenken und sie auf realistisch, erreichbare CO2-Reduktionsziele auszurichten – und nicht den Weg durch einen Dschungel von Gesetzen und Verordnungen dahin vorzuschreiben. In Anbetracht der gescheiterten Regierung und der drängenden Haushaltsprobleme seien die klimapolitischen Maßnahmen in den kommenden Monaten von entscheidender Bedeutung.
Stand: 16.12.2025
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GdW tritt Initiative bei
Angesichts der Relevanz des Themas für die Wohnungswirtschaft tritt der GdW der „Initiative Praxispfad CO2-Reduktion im Gebäudesektor" bei. Er fordert die politischen Entscheidungsträger auf, die kommenden Neuwahlen als Chance für einen neuen Ansatz zu nutzen. „Ein Kurswechsel in der Klimapolitik ist zwingend notwendig, um eine ökonomisch machbare, sozial gerechte und ökologische Wende im Gebäudesektor zu schaffen“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des GdW – Bundesverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen. „Es gilt, praxisorientierte Lösungen zu fördern, die die Klimaziele erreichbar machen und die sozialen Belastungen für Mieter und Vermieter in Grenzen halten“.
klimapolitik im gebäudesektor: Die fünf Kernforderungen der Wissenschaftler
1. Emissionsfreie Wärmeversorgung: Fossile Energieträger müssen zügig durch emissionsarme Technologien wie Wärmepumpen und die Nutzung industrieller Abwärme ersetzt werden. Der Ausbau erneuerbarer Energien auf Quartiersebene wird hierbei priorisiert wie bilanzielle Ansätze auf der Ebene von Gebäudeflotten und Quartieren im Allgemeinen und hier insbesondere die gebäudeübergreifende bilanzierbare Nutzung von Solarenergie. 2. Maßvolle Sanierung: Statt kostspieliger überzogener Sanierungstiefen fordern die Experten eine Sanierung, die sich an der Lebensdauer der Bauteile orientiert und unnötige Kosten vermeidet. 3. Effiziente Wärmepumpen-Nutzung: Moderne Wärmepumpen sind bereits für teilsanierte (ab EnEV 2002) oder moderat sanierte Gebäude geeignet, was den Sanierungsdruck mindert und trotzdem eine klimaschonende Wärmeversorgung ermöglicht. 4. Einführung eines Emissionsminderungspfads: Statt unübersichtlicher Regelungen plädieren die Wissenschaftler für einen verbindlichen Emissionsminderungspfad bis 2045, der klare Reduktionsziele für Gebäudeemissionen setzt und durch eine unabhängige Emissionsagentur überwacht wird. 5. Förderung von Bestandserhalt und Kreislaufwirtschaft: Neubauten sollen strengen Emissionsgrenzen entsprechen, während der Erhalt bestehender Gebäude die Nutzung grauer Energie maximiert und Abfall reduziert.
Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF) und der GIH-Bundesverband lehnen die Strategie ab. Sie führe zu hohen Transformationskosten und belaste Mietende dauerhaft mit hohen Energiekosten. Christian Noll, geschäftsführender Vorstand der DENEFF wirft der Initiative eine Polarisierung der Debatte vor. Energieeffizienz sei ein zentraler Baustein für bezahlbares Wohnen, eine sichere Energieversorgung und den Klimaschutz.
Prof. Dr. Andreas Holm sagt: „In der Debatte über energetische Maßnahmen muss klar zwischen dem Endenergieverbrauch für Wärme und den CO2-Emissionen unterschieden werden. Bisher wurde vor allem in CO2-Reduktionen investiert, etwa durch den Wechsel des Energieträgers. Das funktioniert aber nur, solange der Anteil erneuerbarer Energien im Wärmemarkt niedrig ist. Ein vollständiger Umstieg auf erneuerbare Wärme ohne Senkung des Energiebedarfs würde jedoch enorme Investitionen und Importe von synthetischem Gas und Öl erfordern. Die Kosten für den Ausbau von Strom- und Wärmenetzen würden ins Unermessliche steigen. Deshalb ist eine höhere Energieeffizienz dringend notwendig.“ DENEFF und GIH fordern, im Gebäudesektor auf Energieeffizienz als wichtiges Mittel zur CO2-Senkung zu setzen.
Thomas Drinkuth, Leiter der Branchenvertretung „Repräsentanz Transparente Gebäudehülle“ RTG, sagt: „Schon im ersten Satz wird eine ‚einseitige Fokussierung auf Energieeinsparung im Gebäudesektor‘ bemängelt, die es aber so in der Realität gar nicht gibt. Wie man zu dieser Aussage kommen kann, während der Staat Wärmepumpen mit bis zu 70 Prozent, Energieeinsparmaßnahmen aber nur mit bis zu 20 Prozent fördert, ist rätselhaft. Tatsächlich dominiert der Wechsel von Öl und Gas zu erneuerbaren Energien nicht erst seit der Neuauflage des Gebäudeenergiegesetzes die Diskussion und die Förderprogramme. Dabei ist klar: ein zukunftsfähiges Gebäude hat eine ausreichend energieeffiziente und vor Hitze schützende Hülle und heizt mit erneuerbaren Energien. Wer einseitig auf den Heizungstausch setzen will, biegt falsch ab.“
Man könne nicht die Herausforderungen einer bezahlbaren Energieversorgung und des Klimaschutzes in der Energieerzeugung lösen, ohne sich nennenswert um den Verbrauch des Gebäudes zu kümmern. Die energetisch im Durchschnitt viel schlechteren Ein- und Zweifamilienhäuser würden zudem unberücksichtigt bleiben.