Qualitätssicherung: Beste Rohre für Nordstream 2

Mülheim Pipecoatings hat ein neues Material Traceability & Quality Control System eingeführt, um den gesamten Lebenslauf der Pipeline-Rohre bis ins kleinste Detail rückverfolgen zu können.  von Ulrike Peter

Offshore-Pipelines liegen oft in bis zu 2.000 Metern Meerestiefe. Die logistische Meisterleistung, die Rohre unbeschadet in diese Tiefen zu befördern, ist nur effizient möglich, wenn alle Rohre sämtlichen Anforderungen standhalten.

Die Mülheim Pipecoatings GmbH (MPC) – Teil der Europipe-Gruppe – hat deshalb ein neues Material Traceability & Quality Control System von Itac eingeführt, das dabei unterstützt, die stetig steigenden Qualitätsanforderungen und Kundenspezifikationen in vollem Umfang zu erfüllen. Die Lösung kommt unter anderem im aktuellen Pipeline-Projekt Nord Stream 2, das durch die Ostsee Erdgas von Russland nach Europa transportiert, zum Einsatz.

Die Europipe-Gruppe produziert als Global Player längs- und spiralnahtgeschweißte Großrohre in nahezu allen gewünschten Abmessungen. Es gehören zwei weitere Rohrwerke in den USA, Panama City (Florida) und Mobil (Alabama) zu diesem Verbund.

Beschichtungen sind MCPs Ding

MPC ist innerhalb der Firmengruppe das technische Kompetenz-zentrum für den Beschichtungsprozess: Die Weiterentwicklung der Fertigungsprozesse und Anlagen sowie die stetige Optimierung von Beschichtungsmaterialien werden zentral von Mülheim aus gesteuert. Mit einer Kapazität von bis zu 4,5 Millionen Quadratmetern Innen- und Außenbeschichtung im Jahr betreibt das Unternehmen die leistungsstärkste Beschichtungsanlage der Großrohrindustrie.

Qualität ist Key

Um diese starke Marktposition weiter ausbauen zu können, hat sich MPC im Zuge einer Ausschreibung für den Einsatz eines Material Traceability & Quality Control Systems auf Basis der Itac.MES.Suite entschieden.

„Die Spezifikationen werden immer anspruchsvoller und damit wird auch die Erfüllung einer konstanten Produktqualität immer wichtiger, wenn es um die Beschichtung von Rohren geht“, erklärt Rainer Grabowski, Werksleiter bei MPC. „Eine hohe Produktqualität und eine lückenlose Qualitätskontrolle schließt exorbitante Folgeschäden aus. Eventuelle Fehler müssen im Produktions- beziehungsweise Prüfprozess gefunden werden. Mit dem Material Traceability & Quality Control System wird dies gewährleistet. In der Regel müssen nur maximal 0,5 Prozent der Rohre neu beschichtet werden.“

Tracking in gigantischer Dimension

Die neue Tracking- und Tracing-Lösung hat MCP mit Beginn von Nord Stream 2 im Oktober 2016 in Betrieb genommen. Sukzessive soll es das bisherige System ablösen, das mit den steigenden Anforderungen an seine Grenzen gestoßen ist.

„Die ersten Rohrkilometer mit dem neuen System wurden im Nord-Stream-2-Projekt bereits realisiert und es wurden deutlich weniger Anlaufprobleme verzeichnet als erwartet, was für die Einführung eines derart komplexen IT-Systems ein großer Erfolg ist“, kommentiert Rainer Grabowski. Das ist wohl auch einer der Gründe, die dazu führen, dass die Lösung auch für alle folgenden Projekte zum Einsatz kommen soll.

Die Lösung übernimmt die komplette Steuerung der Produktion und des nachfolgenden Verladeprozesses. Sie erfasst den gesamten bisherigen Lebenszyklus eines Rohres und ist über dessen Freigabestatus sowie die Lagerplätze und LKW-Transporte zwischen Europipe und MPC informiert. Die Mitarbeiter können jederzeit auch mobil auf alle Daten des Rohres zugreifen.

„Die Lösung geht weit über ein Standardsystem hinaus. Die Besonderheit liegt hier in den zahlreichen individuellen Anpassungen und Programmierungen, die auf Basis einer in die MES-Suite integrierten Business-Rule-Engine vorgenommen wurden. Das System muss etliche Spezifika erfüllen können“, erklärt Dirk Klingbeil, Managing Director bei MPC. „Manchmal gehen die Rohre zwischen MPC und Europipe mehrmals hin und her, beispielsweise um gekürzt oder ins Biegewerk gebracht zu werden. Dies ist nur eine der alltäglichen, aber durchaus komplexen Anforderungen.“

Schnittstellen in alle Richtungen

In enger Zusammenarbeit zwischen dem MES-Entwickler und MPC wurden daher verschiedene Schnittstellen programmiert: für den Versand, den Transport beziehungsweise Bahn, für Shopfloor-nahe Eigenentwicklungen von MCP sowie zum Business-Intelligence-Portal Itac.BI.Portal. Letzteres ermöglicht sowohl tägliche Dokumentationen als auch eine Enddokumentation für den Kunden.

Um eine durchgängige Transparenz und Prozesssicherheit zu erreichen, informiert dieses System auch Europipe stetig über den Status der Rohre. Die Dokumentation wurde durch MPC-eigene Programmierung an das System angedockt.

Rohre transparent

Der Prozess gestaltet sich dabei wie folgt: Die MPC-Fahrer erhalten über PDA-Handhelds erste Informationen zu dem Rohr und erfassen weitere Daten. Sie erfahren dabei unter anderem, ob das Rohr eingelagert wird oder direkt zur Beschichtung transportiert werden muss. Durch die neuimplementierte Schnittstelle zu Europipe beträgt der Datenübertragungsprozess, der mit der bisherigen Lösung etwa 10 Minuten in Anspruch nahm, heute nur noch wenige Sekunden. Trifft das Rohr bei MPC ein, dokumentiert das System auch alle weiteren Prozesse – zum größten Teil automatisiert.

Im Falle einer negativen Rückmeldung zu einem Rohr, das im Prüfprozess die Grenzwerte über- oder unterschreitet (beispielsweise eine zu geringe Schichtdichte), wird dieses in Abhängigkeit des jeweiligen Prüfkriteriums sofort für weitere Fertigungs-schritte gesperrt. Hierfür sorgt die integrierte Business-Rule-Engine in Kombination mit Quality Control Codes.

Eine weitere mobile Applikation auf den Handhelds, dient dazu, eine Verladung von Rohren auf physischen Transportträgern (Waggons oder LKWs) zu verifizieren, durchzuführen und zu dokumentieren. Auf diese Weise gewährleistet das neue System basierend auf im Vorfeld definierten Laderegeln eine Verladung von ausschließlich und eindeutig zulässigen Rohren.

Fazit

Das mit Hilfe von Itac implementierte System steuert den Rohrfluss über den gesamten Beschichtungsprozess bis hin zur Verladung auf die Waggons und die Zusammenstellung der Züge. Es wird dabei stetig von MPC-Mitarbeitern angepasst, um speziellen Fertigungssituationen und steigenden Anforderungen in den Pipeline-Projekten gerecht zu werden. Das umfassenden Qualitäts- und Logistikkontrollsystem, das Abweichungen mittels automatisierter Datenanalyse direkt aufzeigt, gewährleistet lückenlose Transparenz sowie hohe Sicherheit und perfekt koordinierte logistische Abläufe über die gesamte Prozesskette hinweg. jbi

Autor: Ulrike Peter ist freie Journalistin aus Düsseldorf.

  • Die neue Track-&-Trace-Lösung hat Rohrlieferant MCP beziehungsweise Europipe mit Beginn von Nord Stream 2 im Oktober 2016 in Betrieb genommen. Es regelt neben den Abläufen im MCP-Werk in Mülheim an der Ruhr auch Transporte innerhalb der Europipe-Gruppe. Bild: MCP
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